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2012 - Umweltpolitischer Jahresrückblick: Mensch, Natur und Umwelt (nicht nur) in Südbaden, Elsass und am Oberrhein

04.12.2012

2012 - Umweltpolitischer Jahresrückblick: Mensch, Natur und Umwelt (nicht nur) in Südbaden, Elsass und am Oberrhein




Alle Jahre wieder: unser BUND-Rückblick auf das vergangene Jahr. Ein kurzer, zwangsläufig unvollständiger Überblick zu einigen Umwelt- und Naturschutzthemen, nicht nur aus dem Dreyeckland.


Mit großer Trauer
haben wir vom schrecklichen Brand in der Caritas-Werkstatt in Neustadt erfahren. In Neustadt haben wir im November den fünftausendsten Nistkasten überreicht bekommen und uns mit Mitarbeiter/innen und Menschen mit Behinderung über diesen gemeinsamen Erfolg gefreut und gefeiert. Eine Woche später sind bei der Katastrophe 14 Menschen ums Leben gekommen. Wir sind sprachlos, traurig und entsetzt.

Vorstand und Geschäftsführung





AKW Fessenheim noch bis 2016?
Wenn die altersschwache Dauerbedrohung für unsere Region im Jahr 2016 abgestellt werden soll, dann ist das auch ein Erfolg für den BUND. Seit Jahrzehnten engagieren wir uns intensiv gegen das AKW. Dass Herr Hollande ausgerechnet Fessenheim abstellen will, liegt auch am starken trinationalen Druck der Umweltbewegung. Dennoch: Eine sofortige Abschaltung des AKW ist die von uns geforderte Lösung, denn ein Erdbeben oder Atomunfall hält sich nicht an Abschaltpläne. Wir hoffen, dass das altersschwache AKW noch die letzten Jahre „durchhält“. Bei einem französischen Regierungswechsel 2017, ist eine „Energie- und Fessenheimwende“ rückwärts nicht ausgeschlossen. Das Regierungspräsidium Freiburg sollte dafür sorgen, dass aus AKW-Kataströphchenschutz mit unrealistischen Evakuierungszonen von 8 Kilometern endlich halbwegs realistischer Katastrophenschutz wird. Auch hier wird unser Druck nicht nachlassen.

Ein "stiller", wichtiger Umweltskandal
ist die bisherige "Nichtklage" der Stadt Breisach gegen die bekannten, aber mächtigen Verursacher der Breisacher Trinkwasserversalzung. Auf der Fessenheimer Rheininsel sind vor Jahrzehnten eine Million Tonnen Salz versickert. Die Spitze der massiven Versalzung ist in Breisach angekommen, doch nicht die einflussreichen Verursacher (Mines de Potasse d'Alsace) tragen die Kosten, (3 Millionen Euro ohne die Kosten für die Korrosion der Leitungen...) sondern die Menschen in Breisach. In was für einem Rechtssystem leben wir, wenn sich eine Stadt nicht traut, gegen einen mächtigen Grundwasserverschmutzer anzugehen?

"Überraschungen" 2012


Überraschung 1: Stuttgart 21 wird teurer
Auf eine makabre Art bestätigen sich jetzt auch nach und nach unsere Befürchtungen beim Stuttgarter Protzprojekt. Entgleisende Züge, mangelhafter Brandschutz, explodierende Preise... Viele von uns vorhergesagte Probleme werden traurige und teure Realität. Der mangelhafte Brandschutz war vom BUND bereits während der Erörterungstermine zur Planung des Tiefbahnhofs vor fast zehn Jahren massiv kritisiert worden. Leider trifft „Wer nicht hören will, muss zahlen“ auch uns in Südbaden und nicht nur die Lobbyisten. Dafür hat allerdings der Parteispender, und Stuttgart-21-Lobbyist Martin Herrenknecht den Prix Bartholdi erhalten – für seine "besonderen Verdienste um die grenzüberschreitende Zusammenarbeit" am Oberrhein... Herr Herrenknecht wollte ja auch die unsinnigste und teuerste, für einen Tunnelbauer aber sehr profitable Lösung für den Bahnausbau am Oberrhein, den Kaiserstuhltunnel. Wann bekommen endlich einmal EuropäerInnen wie Jean-Jacques Rettig, Walter Mossmann, Frank Baum oder (posthum) Solange Fernex und Lore Haag solche Preise?

Überraschung 2: Der Neubau der Freiburger Universitätsbibliothek wird teurer
Die Freiburger Bevölkerung wurde nach dem Prinzip der Salamitaktik auf eine Erhöhung der Baukosten beim „Teilabriss und Neubau“ der 33 Jahre jungen Unibibliothek eingestimmt. Wie viel der Bau, der bisher 44 Mio. Euro kosten sollte, teurer wird, ist noch unklar. Was es „im Großen“ und heftig diskutiert bei Stuttgart 21, beim neuen Flughafen Berlin, beim Nürburgring und bei der Elbphilharmonie gibt, gibt es „im Kleinen“ und leider beinah undiskutiert eben auch in Südbaden und Freiburg.
„Das ist doch kein Thema für den Bund für Umwelt und Naturschutz“, wird manchmal gesagt und es gibt immer noch Menschen, die unsere Hauptaufgabe darin sehen, den Menschen beizubringen, den sauber abgeschleckten Joghurtbecherdeckel in die richtige Tonne zu werfen.
Wenn in der „Green City“ unkritisiert ein 33 Jahre junges Gebäude des Landes Baden-Württemberg abgerissen werden muss, weil (nicht nur in Freiburg!) vor drei Jahrzehnten grottenschlecht gebaut wurde, wenn Baustoffe, Rohstoffe, menschliche Arbeitskraft und Geld der SteuerzahlerInnen in Zeiten der Staatsverschuldung verschwendet werden, wenn die tatsächlichen Abrissgründe erst nach und nach an die Öffentlichkeit gelangen, dann ist dies alles ein wichtiges Nachhaltigkeitsthema und damit durchaus ein Thema für den BUND.

Überraschung 3: Der Bau des ersten EPR-Atomreaktors in Frankreich wird fast dreimal so teuer wie ursprünglich geplant

Der Stromkonzern EDF musste im Dezember 2012 das Budget für das gefährliche neue AKW um weitere 2 Milliarden Euro erhöhen. Die Kosten werden mittlerweile auf 8,5 Milliarden Euro geschätzt. Ursprünglich sollte die Anlage am Ärmelkanal nur 3 Milliarden Euro kosten.


Erfolge im klassischen Naturschutz am Oberrhein
sind im Zeitalter der Gier und globalen und regionalen Zerstörung nicht dicht gesät. Mit einem neuen kostenlosen Plakat engagieren wir uns für den geplanten Nationalpark Nordschwarzwald, der insbesondere von der Holzlobby massiv bekämpft wird. Der Nationalpark Nordschwarzwald soll eine Mindestfläche von ca. 10.000 Hektar (100 Quadratkilometer) umfassen. Der tägliche Flächenverbrauch in Deutschland liegt bei ca. 100 Hektar am Tag. Der Park hätte also die Fläche, die in Deutschland in hundert Tagen bebaut, zersiedelt, entwertet und zerstört wird...


Vermeisung und Entmaisung


„Vermeisung“
Die stillen, für viele Menschen unbekannten Seiten des BUND-Regionalverbandes sind unsere vielfältigen Naturschutzaktivitäten. In 5 Jahren haben wir, zumeist übers Internet, 5.000 Nistkästen verkauft, die in einer regionalen Werkstatt für Menschen mit Behinderung produziert werden. Im Internet informieren wir, wie Nistkästen, auch für bedrohte Arten, gebaut werden können, und diese Informationen wurden seither bereits 1.030.990 Mal aufgerufen!

„Entmaisung“
Viele Jahre lang wurden wir angefeindet, weil wir sagten, die ökonomisch und ökologisch beste Bekämpfung des Maiswurzelbohrers sei die Fruchtfolge. Jetzt ist die Fruchtfolge tatsächlich vorgeschrieben und (viel zu langsam) geht die Vermaisung zurück. Der massive Pestizideinsatz gegen den Maiswurzelfiesling und die große Bienenvergiftung im Jahr 2008 wären nicht nötig gewesen. Nach dem Maiswurzelbohrer sind wir jetzt mit massiven Gifteinsätzen gegen den Buchsbaumzünsler konfrontiert und zeigen auf, dass es auch ohne Gift im Garten geht.


Erfolge: Renaturierung von Elz, Dreisam, Glotter...
In der Vergangenheit wurden die meisten Mittel- und Unterläufe der Bäche und Flüsse am Oberrhein zu geradegestreckten, kanalisierten und trostlosen Kanälen umgebaut. Die Renaturierung der zu Kanälen gewordenen Bäche und Flüsse unserer Heimat war und ist eine der Hauptforderungen des BUND. Jetzt wird die Deutsche Bahn tatsächlich der BUND-Forderung nachkommen und als Ausgleichsmaßnahme für den Bahnausbau in die Gewässerrenaturierung investieren. Auf der Gemarkung Riegel heißt das, dass der "Elzkanal" vor dem Zusammenfluss von Elz, Glotter und Dreisam eine neue, naturnahe Deichführung bekommen soll. Mit der Umsetzung dieser Forderung rückt das BUND-Ziel langsam näher „Grüne Bänder“ zu schaffen. Das heißt, breite, naturnahe Korridore an Elz, Dreisam, Kinzig, Neumagen und Glotter sollen langfristig Schwarzwald und Rheinauen verbinden, gerade auch um der zunehmenden Landschaftszerschneidung durch neue Verkehrsprojekte am Oberrhein entgegenzuwirken. Die immer komplizierter werdenden Abwägungsprozesse zwischen den Schutzgütern Mensch, Natur und Zukunft machen unsere Arbeit nicht einfacher.

Nicht europäisch
war die Art und Weise wie 2012 der "schweizerisch - deutsche Luftstreit" um den Anflug auf den Flughafen Zürich ausgetragen wurde. Alte und neue Nationalismen und gut organisierte traurige Feindbilder auf beiden Rheinseiten überlagerten den Europa-Regio-Dreyeckland Mythos . In diesem Konflikt und der Art, wie er ausgetragen wurde, scheiterte auch ein kleines regionales Stück Europa. Von den Folgen des Flugverkehrs sind (ähnlich wie in Sachen Atom) die Menschen in beiden Ländern betroffen. Nur hört man nichts von diesen grenzüberschreitend gemeinsamen Interessen. Es ist um so erfreulicher, wie gut, solidarisch und trinational über den Rhein hinweg die Zusammenarbeit in Sachen Anti-Atom funktioniert. Doch je ernsthafter über die Abschaltung von Fessenheim, Beznau und Leibstadt diskutiert wird, desto wahrscheinlicher werden die Betreiber, und ihre Lobbyisten in der Politik, versuchen, auf die kleinen Nationalismen zu setzen.

Schweiz & Atom
Seit Februar 2012 hat das grenznahe schweizer AKW Beznau die zweifelhafte Ehre, das älteste AKW der Welt zu sein. Es ist unglaublich: Die Schweiz, eines der schönsten und reichsten Länder betreibt die ältesten Atomkraftwerke der Welt. Eines der „neueren“ AKW, der Siedewasserreaktor in Leibstadt, (Reaktortyp Fukushima) hatte einen gefährlichen Riss.
Eine als vertraulich eingestufte Aktennotiz der mit der atomaren Endlagersuche in der Schweiz beauftragten Genossenschaft Nagra bestätigt eine alte Befürchtung des BUND am Südlichen Oberrhein: Das angeblich transparente Auswahlverfahren unter sechs Standortvarianten soll intern bereits entschieden sein. Es geht beim aufwändigen "Beteiligungsverfahren" nicht um Partizipation sondern um die Illusion von Beteiligung.

Andere große und wichtige Themen für den BUND am Südlichen Oberrhein
waren die notwendige Bergung der Gifte aus der maroden Giftmülldeponie Stocamine im Elsass und die Konflikte um Straßenbauprojekte, bei denen die Menschen erstmals von einer Landesregierung nicht belogen, sondern mit der ökonomischen Wahrheit konfrontiert wurden. Auf großes Interesse stießen unsere Thesen zur „geplanten Obsoleszenz“: „Schneller kaufen, noch schneller wegwerfen“. Der zunehmende Flächenverbrauch , die Zersiedelung und zunehmende Verscheußlichung unserer Heimat sind und bleiben ein BUND-Dauerthema.

Das Jahr 2012
mit den multiplen Krisen, nicht nur in Südeuropa, mit globalen Kriegen (über die wir teilweise sehr einseitig und parteiisch informiert wurden) und Kriegsgefahren, war ein ökonomisches und ökologisches Krisenjahr. Die zunehmenden Folgen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise sind politische Verwerfungen, Arbeitslosigkeit, Armut, Gewalt, Hunger und Kriegsgefahren. Unsere BUND-Krisen-Kritik und Ursachenanalyse wurde in in den "neuen Medien" und im Internet intensiv diskutiert.

Die „alten Medien“
haben diese Kritik, die aus dem klassischen neoliberalen und staatsidealistischen Lagerdenken ausbricht, nicht aufgegriffen. Wer immer noch die alten Mythen vom „unbegrenzten dauerhaften Wachstum“ widergibt und als Problemlösung anbietet, der scheut davor zurück darüber nachzudenken, dass dieses auf „unbegrenztem dauerhaften Wachstum“ beruhende System vielleicht an seine ökonomischen und ökologischen Grenzen gestoßen ist und die verkündeten Heilserwartungen nicht mehr erfüllt - und auch zukünftig nicht erfüllen wird. Während ein Teil der Welt hungert, wandern in Deutschland 50% der Nahrungsmittel auf den Müll. Wachstum ist nur noch möglich, weil immer unnötigere Produkte mit einer gezielt "eingebauten" verkürzten Produktlebensdauer produziert werden, während gleichzeitig die Endlichkeit der atomar-fossilen Energievorräte immer deutlicher wird. Für unsere Handy-Wegwerfkultur starben seit 1998 über 3 Millionen Menschen im "unbeachteten" Coltan-Rohstoffkrieg im Kongo.

Als Umweltverband müssen wir in den kommenden Jahren stärker als bisher die Frage nach dem ökologisch und sozialverträglichen Bruttosozialglück in den Mittelpunkt unseres Handelns stellen.

Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer




Der von ökonomischen Interessen bedrohte zukünftige Nationalpark Nordschwarzwald.
Ein wichtiges Thema 2012 im umweltpolitischen BUND-Jahresrückblick - Mensch, Natur und Umwelt am Oberrhein




Warnungen & Hinweise 5/2018:

  • 1) Diese regionalen BUND-Internetseiten sind "altmodisch-textorientiert" und manchmal lang. Wir bieten keine modischen Infohäppchen, sondern wenden uns an die kleiner werdende Minderheit, die noch in der Lage ist längere Texte zu lesen und zu erfassen.
  • 2) Wenn Sie hier "Die Wahrheit" suchen, werden Sie sie nicht finden. Es gibt sie nicht, "Die Wahrheit", sondern immer nur Annäherungen daran, Wahrheitsfragmente. Es wird Ihnen nichts übrigbleiben, als sich mit den "anderen Wahrheiten" auseinander zu setzen, um zu einer eigenen Meinung zu kommen. Verlassen Sie auch einmal den engen "Echoraum" der eigenen Meinung im Internet. Misstrauen Sie Wahrheitsverkündern. Haben Sie Mut, Ihren eigenen Verstand zu gebrauchen. Es gibt in diesem Land tatsächlich auch noch einige kluge, zumeist differenzierende Medien.
  • 3) Im Zweifel ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte immer noch eine gute Quelle zur Orientierung.

Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer
(Getragen von der Hoffnung auf das vor uns liegende Zeitalter der Aufklärung)





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Umweltpolitischer Jahresrückblick des Bund für Umwelt und Naturschutz, Regionalverband Südlichen Oberrhein für Südbaden, Elsass und Nordschweiz.
Umwelt Rückblick für die Jahre 2017, 2016, 2015, 2014, 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003, 2002, 2001, 1999...















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Dieser Artikel wurde 2988 mal gelesen und am 17.12.2016 zuletzt geändert.