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Gentechnik: Akzeptanzforschung und Greenwash - Gentechnisch verunreinigtes Saatgut & Technikfolgenabschätzung

Gentechnisch verunreinigtes Saatgut:
Kein „Zufall“ sondern Durchsetzungsstrategie



Auch 2010 wurde wie in den Vorjahren in stichprobenartigen Saatgut-Untersuchungen der Bundesländer gentechnisch veränderte "Beimischungen" gefunden. Neun von 13 Bundesländern, die Saatgut-Tests durchführten, haben ihre Ergebnisse bis jetzt veröffentlicht. Bei 20 Proben in sieben Bundesländern wurden die Behörden bisher fündig (Nordrhein-Westfalen, Thüringen, Schleswig-Holstein, Hessen, Brandenburg, Bayern und Baden-Württemberg). Verunreinigtes Saatgut bedroht den gentechnikfreien Anbau in Deutschland, wo Gentechnik-Mais auf dem Acker verboten ist.


Vor genau 11 Jahren
hatte der BUND Regionalverband Südlicher Oberrhein schon einmal einen vergleichbaren Fall mit Gentechnisch verunreinigtem Saatgut der Firma Pionneer aufgedeckt und angezeigt. Info
Seither treten solche „Verunreinigungen“ immer wieder auf. Gentechnisch verunreinigtes Saatgut ist kein „Zufall“ sondern eine „sanfte“, gezielte und perfide Durchsetzungsstrategie der Genlobby, die mit den besten und teuersten PR Agenturen zusammen arbeitet. Noch haben die Bürger und BürgerInnen die Wahl zwischen gentechnikfreien und genmanipulierten Nahrungsmitteln. Diese freie Wahl soll durch eine gezielt herbeigeführte „leichte“ Verunreinigung aller Nahrungsmittel aufgehoben werden. Zukünftig sollen die VerbraucherInnen nur noch die „Wahl“ zwischen stark genmanipulierten und „leicht“ genveränderten Nahrungsmitteln haben. Auch so kann gezielt Resignation erreicht und Akzeptanz erzwungen werden. Die Verbraucher und Verbraucherinnen haben nach Ansicht des BUND ein Recht zwischen Genfood und sauberer Nahrung zu wählen. Eine gezielte, langsame, schleichende Vermischung ist nicht akzeptabel.

Was würde die Öffentlichkeit dazu sagen wegen ein Heroindealer sein Gift in kleinen Dosen in die öffentliche Wasserversorgung einbringen würde um einen „Gewöhnungseffekt“ zu erzielen?





Stuttgart, 29.7.1998

Mitte Mai 1998
stellte die baden-württembergische Akademie für Technikabfolgenabschätzung in Bonn die Ergebnisse Ihres Projekts "Chancen und Risiken der Gentechnik aus der Sicht der Öffentlichkeit" vor. Für den LNV nahm Axel Mayer, BUND-Regionalgeschäftsführer Südlicher Oberrhein auf Vorschlag des BUND teil. Sein engagierter Beitrag befaßt sich u.a. mit der Akzeptanzforschung und -beschaffung, "Greenwash" und Scheinbürgerinitiativen - und geht damit weit über das klassische Feld der Natur- und UmweltschützerInnen hinaus.

Für die Zusammenstellung einer Hintergrundinformation für dieses Info danken wir Herrn Mayer.


Beim Thema "Chancen und Risiken der Gentechnik aus der Sicht der Öffentlichkeit",

gleichzeitig Titel der vorliegenden Studie der Akademie, geht es um die Akzeptanz in der Bevölkerung. Genau dieser Bereich ist auch für die Umweltverbände ein wichtiges Thema. Die für uns noch viel wichtigere Frage aber lautet: Wie entsteht Zustimmung oder Ablehnung zu einem so komplexen Thema wie der Gentechnik? Wie wird Akzeptanz geschaffen?

Die Aussagen der vorgestellten Studie
decken sich in vielen Bereichen mit den Erkenntnissen der Umweltverbände. Ihre Aussagen zusammenfassend läßt sich sagen: Die Darstellung der Gentechnik in den Medien ist entgegen den Aussagen der Genlobby eher unkritisch und stärker befürwortend als ablehnend. Dennoch gibt es in der Bevölkerung eine starke, sehr differenzierte Ablehnung von großen Teilbereichen der Gentechnik.

Von kleinen Details abgesehen ist dies, auch aus Sicht der Umweltverbände, eine durchaus objektive, lesenswerte Studie. Eine scheinbar unpolitsche Studie und dennoch höchst politisch: Vor über zwei Jahrzehnten hat das Batelle Institut eine erste Studie über die Einstellung der Bevölkerung zur sogenannten friedlichen Nutzung der Kernenergie erstellt. Hintergrund der damaligen Studie waren die Auseinandersetzungen um den AKW Standort in Wyhl. Diese objektive und neutrale Studie des Bastelle Instituts hat dann aber die Grundlagen für die fehlgeschlagene, stark manipulative Akzeptanzkampagne der Energieversorgungsunternehmen geliefert. Die starke, dauerhafte Ablehnung der Atomenergie in großen Teilen der Öffentlichkeit hat der Akzeptanzforschung, insbesondere auch für die Durchsetzung der Gentechnik, massiven Auftrieb verschafft. Teile der Umweltbewegung stecken mit dem Kopf immer noch in den "klassischen" Auseinandersetzungen (Wyhl, Wackersdorf...). In der Realität aber sind wir mit vollkommen neuen Durchsetzungsstrategien konfrontiert. Zu diesen Strategien zählen: "Greenwash": Der Versuch umweltschädliche Produkte und Projekte mit vorgeschobenen Umweltargumenten "grünzuwaschen" industriegesteuerte Scheinbürgerinitiativen wie z. B. die "waste-watchers" akzeptable und manipulierte Methoden zur Akzeptanzbeschaffung.

Die Umweltverbände sind sich nicht immer ganz sicher, ob Technologieabschätzung nicht auch manchmal zur Technikdurchsetzung mißbraucht wird.

Auch die vorgelegte Studie der Akademie für Technikfolgenabschätzung beschäftigt sich intensiv mit der Rolle der Medien bei der Informationsvermittlung. Dem BUND liegt eine faszinierende Studie der Firma Texaco vor. Diese Studie diente eindeutig und gezielt der Manipulation und Desinformation der Öffentlichkeit und insbesondere dem Umgang mit den Medien, um eine umstrittene Bohrinsel im Wattenmeer durchzusetzen.

Welche Qualität also hat die öffentliche Diskussion bei der Einführung einer Risikotechnologie? "Risikotechnologie", welch ein garstiges Wort. Es soll doch eben keine öffentliche Debatte über die "killing fields" der Gentechnik geben. Die Werbeargentur Burson und Marsteller, die u.a. Imagekampagnen für Diktatoren durchführen, haben der Genlobby ins Stammbuch der Öffentlichkeitsarbeit geschrieben, welche Themen diskutiert werden sollen und wo die kritischen Themen liegen: also keine Diskussion über Genneophyten, transgene Tiere, gentechnisch modifizierte Biowaffen, über Klonierung und Randbereiche der Gentechnik wie "verbrauchende Embryonenforschung" im Zusammenhang mit der Bioethik-Konvention.


Wie schwer hatte es die Atomwirtschaft,
den negativ besetzten Begriff "Atomenergie" durch das harmlos klingende Wort "Kernenergie" zu ersetzen. Wie geschickt war es, die "Gentechnologie" von Anfang an unter dem Mantel "Biotechnologie" unterzubringen. Bio, das klingt wie Bioläden und Biolandbau. Im Zeitalter von "Entsorgungsparks" ist Sprache immer auch Macht.

Einige Beispiele mögen solche neuen Durchsetzungsstrategien veranschaulichen: Im Elsaß sollte ein riesiger neuer Freizeitpark, ein sogenanntes Bioscope gebaut werden. In den Medien und den offiziellen Broschüren firmierte diese geplante Einrichtung als Gesundheitspark. Nur in den internen Broschüren wird das tatsächliche Ziel aufgezeigt: "Das Bioscope soll die Ängste der Bürger über die Fortschritte im Biotechbereich aus dem Weg räumen". Wir Naturschutzverbände müssen fragen: Darf so mit der Öffentlichkeit umgegangen werden?

In Freiburg ist ein Biotechpark entstanden, der von einer Bio-Med Stiftung getragen wird. Bio-Med, weil dieser Begriff im Gegensatz zur Gentechnik positiv besetzt ist, schreiben die Namensgeber der Stiftung. Wo ist der Übergang von Werbung zur Manipulation? müssen wir fragen.

In der Schweiz stand eine Abstimmung über eine Genschutzinitiative an, begleitet von umfangreichen Informationskampagnen. Die Schweiz ist in Sachen direkter Demokratie weltweit vorbildhaft. Die Initiativen, welche die Gentechnik nicht verbieten, sondern lediglich menschengerecht begrenzen wollen, hatten ca 2,5 Mio Franken zur Verfügung. Die Genlobby hat eine Kampagne mit 35 Mio Franken gestartet. Funktioniert die direkte Demokratie noch bei solch einem Ungleichgewicht, fragen wir?

Der Chemie- und Pharmariese Novartis erweckt nach massivem Druck der Umweltorganisationen in der Öffentlichkeit den falschen Eindruck, jetzt auch für eine Kennzeichnungspflicht bei Genfood zu sein. Es ist gelungen aufzuzeigen, daß die US-Tochter von Novartis andererseits Druck auf den US-Präsidenten ausübt, damit dieser eine Kennzeichnungspflicht in Europa verhindert. Die Macht der Großkonzerne gefährdet nicht nur die Umwelt, sondern auch die Demokratie, müssen wir Naturschutzverbände warnen.

Die Naturschutzverbände interessiert, wie Meinung gemacht wird. Auch beim Thema Gentechnik gilt, es gibt keine Wahrheit, es gibt immer nur Annäherung an die Wahrheit. Auch Umweltverbände haben die Wahrheit nicht für sich gepachtet. Die Qualität einer Demokratie zeigt sich immer auch daran, wie neue Risikotechnologien eingeführt werden. Welche Qualität hat die öffentliche Diskussion? Welche Chancen haben ernstzunehmende KritikerInnen in den Medien?

Die Studie der Akademie für Technikfolgenabschätzung belegt die breite Ablehnung gentechnisch veränderter Nahrungsmittel durch die Bevölkerung. Gleichzeitig erleben wir zur Zeit die gezielte Vermischung von gentechnisch verändert Nahrungsmitteln (Soja), mit herkömmlichen Nahrungsmitteln. Sanft, aber zielstrebig wird diese vermeidbare Durchmischung vorgenommen um den Widerstand der Menschen zu brechen.

Demokratie ist nichts Dauerhaftes. Sie muß in Zeiten wirtschaftlicher Konzentrationsprozesse, in Zeiten, in denen die vierte Gewalt, die Medien, immer abhängiger von der Wirtschaft werden, jeden Tag neu errungen werden. Nicht nur die Gentechnik kann missbraucht werden, sondern auch sozialwissenschaftliche Studien!

Axel Mayer, Geschäftsführer des BUND-Regionalverbands Südlicher Oberrhein



Literatur:
Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg (1998):
Kurzfassung der Ergebnisse des Verbundprojekts "Chancen und Risiken der Gentechnik aus der Sicht der Öffentlichkeit"


hier: Gentechnik Information des BUND
Hintergrundinfo: Akzeptanzforschung, Greenwash, PR und neue Durchsetzungsstrategien



"Die Wahrheit", Warnungen & Hinweise 2019:
  • 1) Diese regionalen BUND-Internetseiten sind "altmodisch-textorientiert" und manchmal lang. Wir bieten keine modischen Infohäppchen, sondern wenden uns an die kleiner werdende Minderheit, die noch in der Lage ist längere Texte zu lesen und zu erfassen.
  • 2) Wenn Sie hier "Die Wahrheit" suchen, werden Sie sie nicht finden. Es gibt sie nicht, "Die Wahrheit", sondern immer nur Annäherungen daran, Wahrheitsfragmente. Es wird Ihnen nichts übrigbleiben, als sich mit den "anderen Wahrheiten" auseinander zu setzen, um zu einer eigenen Meinung zu kommen. Verlassen Sie auch einmal den engen "Echoraum" der eigenen Meinung im Internet. Misstrauen Sie Wahrheitsverkündern! Haben Sie Mut, Ihren eigenen Verstand zu gebrauchen. Es gibt in diesem Land tatsächlich auch noch einige kluge, zumeist differenzierende Medien.
  • 3) Im Zweifel ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte immer noch eine gute Quelle zur Orientierung.

Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer
Getragen von der Hoffnung auf das vor uns liegende Zeitalter der Aufklärung (das nicht von selber kommen wird wie die Morgenröte nach durchschlafener Nacht)


Aktueller Einschub vom 7.11.2019:

Grüne Kreuze & Artenausrottung in Deutschland 2019: Neue Studien


Während gerade bundesweit Landwirte mit Grünen Kreuzen & Demos für Agrargifte & Glyphosat demonstrieren, gab es neue, erschreckende Studien:

Vogelsterben


"Die Fachgruppe „Vögel der Agrarlandschaft“ der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft hat mit Unterstützung des DDA ermittelt, dass die Zahl der abnehmenden und stark abnehmenden Arten von 55 Prozent auf 68 Prozent gestiegen ist. Die Bestandsrückgänge von Rebhuhn (89 Prozent seit 1992), Kiebitz (88 Prozent seit 1992), Feldlerche (45 Prozent seit 1992) und vieler weiterer Arten halten nicht nur an, sie haben sich sogar noch beschleunigt. Als wesentliche Ursache für die Bestandsrückgänge sehen die Fachleute die fortschreitende Intensivierung der Landwirtschaft, insbesondere durch Pestizideinsatz, starke Düngung, den Verlust von Landschaftselementen wie Ackerbrachen und die Einengung der Fruchtfolgen.
Quelle: Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) e.V.

Insektensterben


Der Rückgang der Insekten und Spinnen in Deutschland reicht weiter, als bislang angenommen. Seit 2009 ist etwa ein Drittel aller Arten aus Wiesen und Wäldern verschwunden. Die Auswertung ergab insgesamt: Sowohl die Zahl der Insektenarten nahm massiv ab wie auch die Biomasse – allein auf den Wiesen um mehr als zwei Drittel. Der Insektenschwund war überall dort besonders stark, wo die Wiesen von Ackerland umgeben waren. Damit weist das Forscherteam um den Ökologen Sebastian Seibold darauf hin, dass die Hauptursache in der Landwirtschaft zu finden ist.
Quelle: Studie der TU München

Lügen


Der Bauernbund bezeichnet das Insektensterben als „Agrarlüge“
Landwirte sollen ein Mitschuld am Insektensterben haben? Davon will der Bauernbund nichts wissen. Geschäftsführer Reinhard Jung spricht von der „größten Agrarlüge seit BSE“... Landwirte tragen aus Sicht des Brandenburger Bauernbunds gar keine Mitschuld am Insektensterben. „Die Behauptung des Nabu, in den letzten 25 Jahren sei die Masse der Insekten um mehr als 70 Prozent zurückgegangen, können wir nicht nachvollziehen“, sagte Bauernbund-Vorstand Thomas Kiesel. „Fest steht allerdings, dass sich auf landwirtschaftlicher Seite die Lebensbedingungen für Insekten in den letzten 25 Jahren nicht verschlechtert haben.“
Quelle: Märkische Allgemeine vom 25.3.2019



Greenwash, Akzeptanz, Akzeptanzforschung, postfaktische PR, Kriegspropaganda, Neusprech und Propaganda 2019



Leitartikel / Zusammenfassung zum Thema Greenwash


Greenwash, Kriegspropaganda, Akzeptanzforschung, PR, Umweltpropaganda und neue Durchsetzungsstrategien
Public Relations und Werbung für Umweltzerstörung, AKW, Gentechnik und Krieg


Greenwash - Sonstiges


Aktueller Einschub:
  • Nuclear Pride Coalition 2018: Atompropaganda, Klimawandel & industriegelenkter Ökooptimismus






    Weitere Greenwash-Themen:


    Zur Übersicht: hier








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    Dieser Artikel wurde 6883 mal gelesen und am 17.12.2016 zuletzt geändert.