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Rheinprogramm IRP: "90-Meter-Streifen" - Auskiesung zum Hochwasserschutz am Rhein

18.09.1997

Naturzerstörung oder Chance für die Natur ?


12,4 Milliarden DM Schäden könnten bei einem 200jährigen Rheinhochwasser zwischen Iffezheim und Bingen entstehen, prognostizieren neuere Gutachten. Die Sünden der Vergangenheit (Rheinausbau, Flächenversiegelung, Wohn- und Industrieansiedlungen in Überflutungsgebieten ....) und vielleicht sogar schon die Klimasünden der Gegenwart beginnen uns einzuholen. 13 Rückhalteräume des Integrierten Rheinprogrammes sollen Wasser zurückhalten und mögliche Schäden reduzieren. Nach langen Diskussionen hat Verkehrs- und Umweltminister Schaufler entschieden, daß der Rückhalteraum südlich von Breisach durch die Auskiesung eines 90 Meter breiten Vorlandstreifens bis Märkt bei Basel geschaffen werden soll. Dies ist ein gigantisches Bauvorhaben, das der BUND und die Naturschutzverbände kritisch begleiten sollten. Wir wollen mit diesem ersten Thesenpapier zur Diskussion beitragen. Detaillierte Stellungnahmen werden folgen.

Hochwasserschutz ist wichtig


Das Hauptanliegen des Integrierten Rhein
programmes (IRP) ist es, Hochwasserschutz mit der Renaturierung der Landschaft am Oberrhein zu verknüpfen. Diesem Ziel stehen wir aufgeschlossen gegenüber, denn wenn wir die wasserbaulichen Fehler der Vergangenheit ausgleichen wollen, dann müssen naturverträgliche und naturnahe Lösungen gefunden werden. Die Weiterentwicklung der alten, technokratischen Lösungen zu naturverträglichen Ansätzen des IRP ist auch der Mitarbeit der Naturschutzverbände an der bisherigen Planung zu verdanken. Renaturierung und, wo immer möglich, Wiederherstellung von Auen ist, angesichts der ca. 2 % naturnahnen Auewälder, die von der Zerstörung ausgespart wurden, unser zentrales Anliegen.

Wertvollste Naturflächen gehen verloren


Südlich von Breisach sind durch die Rheinabsenkung europaweit bedeutende Trockengebiete entstanden. Viele Gutachten zeigen den europaweit einmaligen Wert dieser Gebiete auf. Nicht alle dieser wertvollen Flächen werden von der Auskiesung verschont werden können. Hier bedarf es unbedingt einer Feinabstimmung zwischen Naturschutz und Planungsbehörden. Nördlich von Breisach wären großräumige, naturnahe Überflutungsflächen problemloser zu schaffen. Dort haben die verschiedensten, gut organisierten Egoismen den Ausbau bisher erschwert und verhindert. (Im Burkheimer Auewald wurde die Kiesabbaufläche erweitert, im Wyhler Wald ist immer noch ein Kraftwerksstandort ausgewiesen....). Wenn jetzt wertvolle Trockengebiete geopfert werden, dann gibt, wie so häufig, der Naturschutz nach. Dies geschieht aber nur unter der Voraussetzung, daß möglicherweise eine neue Auefläche entsteht. Wir wissen, die geplanten Maßnahmen sind unumkehrbar. Die Naturschutzverbände sind an allen geplanten Maßnahmen zu beteiligen.

Der 90 Meter Streifen darf kein "90 Meter Streifen" werden


Der 90 Meter Streifen darf keine mit dem Lineal gezogene Kante bekommen. Er muß an die naturräumlichen Gegebenheiten angepasst werden. Besonders wertvolle Trockengebiete sind auszusparen. Hier bedarf es einer engen Absprache mit dem behördlichen Naturschutz und den Naturschutzverbänden. Diese Abgrenzung darf nicht nur von ökonomischen Interessen geleitet werden. Die verbleibenden Trockengebiete dürfen nicht als "stille Abbaureserve" für die Zukunft angesehen werden.

Das Restwasserproblem


Im ausgekiesten 90 Meter Streifen wird sich langfristig ein amphibischer Lebensraum entwickeln. Ob tatsächlich eine flußbegleitende Aue entsteht, wird die Zukunft zeigen. Hier geht die Meinung der ExpertInnen auseinander. Eines der Hauptprobleme ist die geringe Restwassermenge, die während des größten Teil des Jahres dieses Gebiet durchfließt. Hier sollten Verhandlungen mit Frankreich aufgenommen werden, um diesen Zustand zu verändern. In diesem Zusammenhang sollte auch die weitere Ausweisung und Schaffung von Retentionsmaßnahmen in Frankreich angesprochen werden. Unter europäischen Nachbarn sollten auch die Lasten gleichmäßig verteilt werden.

Mut zur Wildnis


Der geplante Kiesabbau wird sich über viele Jahre erstrecken. Das tiefergelegte Gebiet sollte dem Fluß konsequent zurückgegeben werden. Das heißt: Mut zur Wildnis und Mut, die natürliche Sukzession zuzulassen. Wir wollen keine geplante Aufforstung. Ingenieurbiologische Uferbefestigungsmaßnahmen sollen sich auf das unbedingt notwendige Maß beschränken. Die Natur soll sich die entstehenden Kies- und Sandflächen zurückerobern, wie das nach Hochwassern in anderen Auegebieten auch geschieht.

Kiesabbau


Im 90 Meter Streifen können im Lauf der Jahre über 30 Mio. Kubikmeter Kies abgebaut werden. Das Wort von Minister Schaufler, daß dafür an anderen Stellen auf Kiesabbau verzichtet wird, muß Realität werden. Angesichts der Macht der Kieslobby sehen wir die Gefahr, daß der 90 Meter Streifen einfach noch zu den bestehenden Kiesgruben dazukommt. Nach Abschluß der Auskiesung würde dann das Arbeitsplatzargument zu einer absehbaren Gefährdung der verbliebenen Trockengebiete führen. Bestehende Firmen aus der Regio sollten bei der Vergabe bevorzugt und Arbeitsplätze regional verlagert werden. Die auf Druck der Kiesindustrie geplante, nicht nachhaltige Erweiterung der Kiesabbauflächen im Regionalplan ist zu stoppen. Dies gilt insbesondere für wertvolle Naturflächen und konsequent für alle Standorte nördlich von Breisach in den noch vorhandenen Auewaldresten. Der Kiesabbau zwischen Märkt und Breisach muß so umwelt- und menschenverträglich als möglich durchgeführt werden. Insbesondere auf die AnwohnerInnen in den Rheingemeinden muß Rücksicht genommen werden.

Naturschutz


Der entstehende Auewaldstreifen von Märkt nach Breisach bietet die Chance, ein großes, durchgängiges Naturschutzgebiet zu schaffen. Der 90 Meter Streifen und die verbleibenden Trockengebiete sind nach Abschluß der Arbeiten unter Naturschutz zu stellen. Eine Vernetzung mit anderen regionalen Biotopen ist unabdingbar ! Wichtig ist die Einbeziehung aller Rheinzuflüsse in das Konzept. Gerade auch die Zuflüsse müssen renaturiert und weiträumige Retentionsmöglichkeiten geschaffen werden.

Keine Lust auf ständigen Reparaturbetrieb


Die Polderlösung ist ein vorsichtiger Versuch, die Sünden der Vergangenheit ansatzweise einzudämmen. Die verlachten, frühen Kritiker des Rheinausbaus und die Umweltschützer, die sich gegen Bau- und Industriegebieten in Überflutungsgebieten ausgesprochen hatten, haben im Nachhinein Recht behalten. Wir beteiligen uns heute, auch mit diesem ersten Thesenpapier, wieder einmal am Reparaturmaßnahmen. Gleichzeitig sehen wir, wie in der heutigen Zeit an vielen Stellen Eingriffe in Natur, Ökologie, Klima und sogar ins Leben selber stattfinden, die von der Einfgriffstiefe her die Tullaschen Rheinbegradigungen in den Schatten stellen. Unsere Hauptaufgabe aber sehen wir darin, in anderen Umweltbereichen Fehler zu verhindern, die die nachfolgenden Generationen stärker bedrohen als die heutigen Hochwässer uns.

Die folgenden Gruppen waren an der Erarbeitung dieser Stellungnahme beteiligt und unterstützen ihre Forderungen:

Hartheimer Heimat- und Hochwasserschutz e. V. (HHH)

Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz Markgräflerland e. V. (AGUS)

Freiburger Entomologischer Arbeitskreis

Arbeitskreis Wasser im Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), Freiburg



Mehr Infos zum Integrierten Rheinprogramm IRP, zum Hochwasserschutz und Naturschutz am Rhein finden Sie hier








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Wo sind die vielen NaturschützerInnen & BiologInnen
in den wichtigen, aktuellen Naturschutzkonflikten am Oberrhein? Es gibt am Oberrhein eine Vielzahl von Menschen mit einem großen Wissen und Sachverstand in Sachen Natur und Umwelt. Doch in den großen Konflikten um unsere bedrohte Restnatur, sei es beim IRP, beim Schmetterlingssterben, bei den Themen Flächenverbrauch und Zersiedelung halten sie sich meist "vornehm" und schüchtern zurück und überlassen die öffentliche Debatte & Leserbriefe den gut organisierten Lobbyisten und dem Stammtisch. Manche Spezialisten sehen auch nur ihr "Lieblingsbiotop" und vergessen darüber den großen Zusammenhang. Nur gemeinsam können wir wir die aktuellen Zerstörungsprozesse bremsen!
Axel Mayer









Rhein & Integriertes Rheinprogramm – IRP


Hochwasserschutz und Auenrenaturierung am Rhein - eine große Chance für Mensch und Natur



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Aktuell:


Das Hochwasser im Schwarzwald und an der Elz und Dreisam in der ersten Woche im Januar 2018, zeigte auch den wichtigen zweiten Aspekt der Renaturierung unserer Flüsse, den Hochwasserschutz. Zumindest ein kleiner Teil des Hochwassers wird zurückgehalten und gebremst. Angesichts der sichtbaren Erfolge für Mensch und Natur ist der Widerstand gegen die Renaturierung anderer Flussabschnitte und gegen die ökologischen Aspekte des Integrierten Reinprogramms immer unverständlicher.
Bis 2040 werden weltweit Millionen Menschen zusätzlich von Überschwemmungen betroffen sein, sagen aktuelle Studien. Allein in Deutschland könnte die Zahl der Betroffenen um das Siebenfache ansteigen, warnen Forscher auf Basis aktueller Daten.


Eines der Hauptkonfliktfelder des Integrierten Rheinprogramms sind die Ökologischen Flutungen, ein zentraler Naturschutz-Aspekt des IRP. Während die Experten von Alsace Nature, BUND, NABU und die Fachleute des Aueninstituts diese Maßnahmen einhellig begrüßen, wird entlang des Rheins massiv Stimmung dagegen gemacht. Kiesindustrie, Jogger, Landwirte, Sportvereine und andere Nutzer der Auen verstecken ihre Interessen hinter vorgeschobenen ökologischen Argumenten. Wir erleben es zur Zeit immer öfter, dass Einzelpersonen, Naturnutzer und Gruppen in den großen Topf der Ökologie hineingreifen, sich eine einzelne Art herausholen und darauf ihre Argumentation aufbauen. Doch Ökologie ist mehr, Ökologie ist immer auch die Lehre von den Zusammenhängen. In einigen Gebieten am Rhein hat sich aus der Wechselwirkung zwischen örtlichen Bürgerinitiativen und Medien eine "lokale Insel-Wahrheit", ein undurchdringlicher, sich selbst bestätigender "Echoraum" der eigenen Meinung herausgebildet. Aktuell ist auch die Kieslobby im Hintergrund wieder sehr aktiv um ihre ökonomischen Interessen durchzusetzen.




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Dieser Artikel wurde 6820 mal gelesen und am 23.11.2016 zuletzt geändert.