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AKW Gerstheim: erfolgreiche Bauplatzbesetzung verhindert französisches Atomkraftwerk

Gerstheim — eine Bilderbuchplatzbesetzung


von Gerhard Peringer



»Mir kejje mol d'Granze
üewer e Hüffe —
Un tanze drum erum.«

Francois Brumbt

Dieses Zitat aus dem Dreyecklandlied von Francois Brumbt drückt aus, was ich empfinde, wenn ich an Gerstheim denke.
Die Platzbesetzung in Gerstheim kann man, zumindest von der Erfüllung der Forderungen her gesehen, als die erfolgreichste in der bisherigen Anti-AKW-Geschichte — von Marckolsheim abgesehen; und Wyhl ist ja auch noch nicht ausgestanden ... — betrachten. Umso verwunderlicher ist es, daß, von den ganzen spektakulären Aktionen bislang, Gerstheim am wenigsten zum »Begriff« wurde. Wenn ich zum Beispiel in Hamburg, wo ich jetzt wohne, von unseren Aktionen im Dreyeckland berichte, schütteln selbst eingefleischte AKW-Gegner den Kopf: Marckolsheim, Wyhl, Kaiseraugst ja! Gerstheim? Nie gehört.«

Woran mag das liegen, daß Gerstheim im Bewußtsein der »Bewegung« kaum verankert ist? Sicher, die Platzbesetzung war nicht so spektakulär wie Wyhl oder Brokdorf. Es gab keine größeren Prügeleien, keine Räumung, keine große Presse, und doch war Gerstheim in vieler Hinsicht bemerkenswert.
Die Fakten sind schnell erzählt: Die Situation war vom Ausgangspunkt her ähnlich wie heute. Während alle Welt gespannt den Wyhl-Prozeß in Herbolzheim verfolgte, ließ die EDF (Electricite de France — französische Elektrizitätsmonopolgesellschaft) im Dezember '76 einen siebzig Meter hohen Meßturm auf einem 180 Hektar großen Gelände, das als möglicher Standort für einen Nuklearpark mit Anreicherungsanlage vorgesehen war, errichten. Zum Bau des geplanten Zaunes um das Gelände kommt es nicht mehr. Die Bevölkerung der umliegenden Gemeinden organisiert sich blitzschnell, und 150 Umweltschützer besetzen am 26. Januar 1977 den Platz um den »Pylone« ; die Techniker der EDF ziehen nach einer längeren Diskussion frustriert ab. Vier Tage später demonstrieren schon 5 000 AKW-Gegner auf dem besetzten Bauplatz, auch viele rechtsrheinische Alemannen darunter.



Gleich zu Anfang tragen sich über fünfzig Gemeinden zur Platzwache ein, und diese massive Unterstützung hält bis zum Ende der Besetzung an. Der spätere »Schwur von Gerstheim« wird von Vertretern von mehr als sechzig Gemeinden und Vereinigungen unterstützt. Eine Umfrage in diesen umliegenden Gemeinden ergibt, daß 86 Prozent der Bevölkerung gegen ein Kernkraftwerk sind. Die EDF hat bald gemerkt, daß der »Platz des 26. Januar« eine Festung war, die, wenn versucht worden wäre sie einzunehmen, einen Sturm ausgelöst hätte, der so manchen Energieboß umblasen hätte können...

Gerschte 77
Im Frindschaftshüs vun Gerschte brennt e Fiirel in de Nacht
Mir sitze drum erum un einer spielt uf de Gitarr
In Gerschte werft e Fiirel sini Funke in de Wind
Höersch? ... er singt

De Räje wie e Trummel klopft sin Liedel uf'm Dach
Mir wärme-n-uns am Fiirel, vor de Tier steht einer Wach De
Räje wie e Harf Hirt sin Liedel in de Wind
Höersch? ... er singt

Im Jüli han mir gsunge un gedanzt am Sunnefescht Dass's
Bliemel nitt verwelikt un dass's Fiirel nitt verlescht Im Juli
han mir gsunge unsri Hoffnung in de Wind
Höersch? ... er singt

Vun hit ab awwer langt's, nein mir bliese nimmi stumm
Mir brenne hundert Fiirle un mir sitze drum erum
Dass hunderti vun Baim Widder blieje frej im Wind
Kumm! ... un sing

- Rene Egles



Das war dann auch der eigentliche Erfolg von Gerstheim: Der ungebrochene Widerstandswillen quer durch alle Schichten der Bewohner eines schönen Landstriches, der den Profitinteressen einer menschenverachtenden Energiepolitik geopfert werden soll. Als wär's die selbstverständlichste Sache der Welt, wurde die Platzbesetzung Bestandteil des täglichen Lebens der Anwohner und wird volle sieben Monate durchgezogen, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Das ist vielleicht auch der Hauptgrund für die relative Unbekanntheit der Gerstheimer Platzbesetzung.
Überhaupt war dies in erster Linie eine Aktion der älteren Bewohner der Region. Im Verhältnis zur Anzahl der älteren Leute auf dem Platz waren die jungen Besetzer unterrepräsentiert. Die vielgeschmähten Polittouristen jener Zeit fehlten hier gänzlich, und ein Besetzer bemerkte einmal treffend: »Das Publikum ist hier viel besser durchwachsen.« Der Generationskonflikt blieb aus; ich (lange Haare, Bart und so weiter) habe davon jedenfalls nichts gespürt — im Gegenteil!

Zur weiteren Entwicklung wäre noch zu sagen, daß natürlich ein Freundschaftshaus gebaut wurde, das bei den obligatorischen Sonntagsveranstaltungen immer gefüllt war. Informationsveranstaltungen wechselten sich mit kulturellen ab : Ausstellungen mit Theaterinszenierungen (es spielte unter anderem das Münchner Theaterkollektiv »Rote Rübe« sein Antirepressionsstück »Paranoia«), Vorträge mit Musikveranstaltungen — neben Gruppen wie »Follig de la rue des dentelles«; die fast schon zu Dauerbesetzern wurden, spielten viele Liedermacher (Francois Brumbt, Francis Keck, Roger Siffer, Roland Engel, Buki und einige andere) meist mehrmals auf dem Platz.

Zahlreiche Petitionen und Aufforderungen an die EDF und die Präfektur zur Stellungnahme und zum Abbau des Meßturms wurden begleitet von Demonstrationen und Aktionen, beispielsweise beim Besuch des damaligen französischen Premierministers Barre in Straßburg, und führten letztendlich auch zum Erfolg. Nachdem der Sprecher der EDF noch am 15. Februar trotzig erklärt hatte: »Der Meßturm wird nicht abgebaut. Nicht in einem halben Jahr, nicht in zwei Jahren!«, ließ die Präfektur im August 1977 bekanntgeben, daß die »Wetterbeobachtungsanlage« von Gerstheim entfernt werde.

Am 24. August 1977 konnte die Generalversammlung des Organisationskomitees der Gerstheimer Platzbesetzung (CODSEG) einen Sieg verkünden, der durch den sogenannten »Schwur von Gerstheim« besiegelt wurde, in dem, neben der Einschätzung der gesamten Aktion und nochmaliger Darstellung der Forderungen, die Wachsamkeit gegenüber der EDF zum obersten Gebot erklärt wurde; wo man das alles doch viel kürzer und schöner hätte sagen können: »Mir sin eifach wieder do ... !«



Wir danken Herrn Gerhard Peringer für die Abdruckerlaubnis


Umweltgeschichte, Regionalgeschichte, Geschichte (Baden - Elsass - Nordschweiz-Oberrhein)











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Dieser Artikel wurde 4562 mal gelesen und am 14.10.2016 zuletzt geändert.