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Heimat, Natur & Naturschutz 5/2018: Weltoffen & klug

03.02.2018

Heimat, Natur & Naturschutz 5/2018: Weltoffen & klug



Aktueller Einschub


"Heimat, dies von Nationalisten gekaperte Wort, ist kein giftiges, sondern ein heilsames Wort.
Heimat Demokratie: Wenn die Menschen in einer Demokratie das Gefühl haben, etwas zu sagen zu haben, wird sie ihnen heimatlich. Heimat Sozialstaat: Wenn der Sozialstaat glückt, ist er Heimat für diejenigen, die sich eine Villa nicht leisten können. Heimat Europa: Wer den Nationalstaat als Heimat erlebt hat, will daraus nicht vertrieben werden. Wenn diese Heimat schwächelt, weil sie gegen Arbeitslosigkeit kein Mittel findet, dann muss Europa diese Mittel finden und den Menschen zweite Heimat werden. Wenn die Menschen das spüren, werden sie wieder Europäer und schieben die Rechtsaußenleute dahin, wo sie hingehören: an den Rand.
In flüchtigen Zeiten Heimat schaffen, das ist Politik gegen die Parolen des Mobs."

Auszug aus dem klugen Beitrag "Mob und Mitte" von Heribert Prantl am 18.6.16 in der Süddeutschen Zeitung

Am 22.10.2017 hat Heribert Prantl in der Süddeutschen erneut einen klugen Kommentar zum Thema Heimat geschrieben.
Geschwurbel oder Substanz?
Neue deutsche Heimatpolitik


"In allen Parteien wird jetzt über Heimat geredet, nicht mehr nur in den ranzigen und braunen Ecken der Gesellschaft. Das ist gut so. Denn man darf die Heimat nicht denen überlassen, die damit Schindluder treiben."

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Heimat, Natur & Naturschutz 2017: Weltoffen & klug



"Wie könnt Ihr nur
in einem BUND-Aufkleber den Begriff "Heimat" verwenden?" wurde ich von einem erbosten BUND-Jugendlichen gefragt. Ich habe mich über den engagierten Jugendlichen und seinen klugen Ärger über unseren Aufkleber gefreut, auch wenn ich seine Meinung und Einschätzung nicht teile. Hier einige erste Gedanken und Überlegungen zu diesem wichtigen Thema.

Nationalpark, Mensch, Natur & Heimat
Es gab und gibt in Deutschland einen zunehmenden Widerstand gegen Nationalparks, u.a. im Nordschwarzwald, Teutoburger Wald, Eggegebirge, Lieberoser Heide, Wasgau und im Steigerwald.

Wer die Wortmeldungen von überzeugten Nationalparkgegnern hört,
der hört oft das Wort Heimat. „Der Nationalpark bringt ungeliebte Veränderungen und gefährdet so Heimat“ wird gesagt. Im Schwarzwald werden die alten Fichtenmonokulturen gerade von strukturkonservativen Menschen und manchen Parteivertretern als Heimat empfunden.

Doch niemand hat den Heimatbegriff für sich gepachtet.
Die Menschen, auch im Schwarzwald, haben in den letzten Jahren immer wieder erleben müssen, dass „Hirschhornknopftragende Politiker in Trachtenjacken, die gerne von Heimat reden“ häufig fast allen heimatzerstörenden Großprojekten und Naturzerstörungen zugestimmt haben. Ein Nationalpark, der das Naturerbe in seiner Vielfalt bewahrt und dennoch verändert, kann Heimat sein.

Ordnung & Sauberkeit contra „wilde“ Natur
Bei vielen großen Konfliktthemen im Naturschutz schimmert immer wieder eine deutsche Urangst hervor. Es ist die große Angst vor Veränderung und Unordnung. Das beginnt im Kleinen, beim sauber auf- und ausgeräumten Garten, in dem kein Vogel mehr einen Brutplatz findet. Es geht weiter mit der auf- und ausgeräumten Kulturlandschaft, wo Hochstammbäume und Hecken in der Maissteppe nichts mehr zu suchen haben. Doch auch die großen Konflikte um die Nationalparks sind von solchen Ängsten geprägt. Ein Wald, der sich „ungeplant und nicht von Menschen gesteuert“ verändert als Skandal? Solche Veränderungen oder gar „Wildnis“ lösen tiefsitzende Ängste aus und leider wird immer wieder Ordnung um der Ordnung willen mit dem Begriff Heimat verbunden.

Der Begriff "Heimat“ wurde im Nationalsozialismus
im Zusammenhang mit der „Blut–und-Boden“-Ideologie völkisch und rassistisch uminterpretiert und von der politisch Rechten besetzt. Nach dem Krieg kam das Wort zumeist sehr "tümelnd" und "Schwarzbraun wie die Haselnuss" daher.

Doch heute muss es auch darum gehen,
den Begriff "zurückzuholen" und demokratisch zu besetzen. Wer den Begriff Heimat nur verächtlich als Domäne der Rechten und der AfD geißelt, der überlässt diesen die Definition und den Begriff.

Auch Heimat und der Heimatbegriff verändern sich,
müssen sich positiv verändern. Heimat ist eben auch bunte, kulturelle Vielfalt und nicht monokulturelle Einfalt. Heimat ist nicht Ablehnung des Fremden, sondern immer auch tolerante Neugier auf Neues, Anderes und Fremdes. Heimat ist immer auch „regionale Identität“ und steht gegen die „Kolonisierung der Lebenswelt“ und gegen die zunehmende "Kommerzialisierung aller Lebensbereiche". Im Naturschutz sollte stets die Biodiversität im Mittelpunkt des Handelns stehen. Gerade in den großen frühen Umweltkonflikten am Oberrhein, bei den Bauplatzbesetzungen in Wyhl (D), Kaiseraugst (CH) und Gerstheim (F) wurde Heimat, erstmals seit dem Krieg, grenzüberschreitend trinational definiert.

Der große elsässische Autor André Weckmann wollte eine Verbindung von Heimat und Globalem, von Überlieferung und Moderne, von Natur und Mensch. In einem seiner programmatischen Texte stellt er die Frage:
"Was ist nun diese "Alemannische Internationale"? Eine Idee, die es uns erlaubt, aus unserer Eingeengtheit herauszubrechen, ohne aber deshalb einer entwurzelnden Globalisierung zu verfallen."

Auch industrienahe Politiker und neoliberale Lobbyisten
mögen den Heimatbegriff nicht. In ihrer Heimat verwurzelte Menschen seien nicht modern, denn die Arbeitnehmer der Zukunft sollen und müssen nach ihrer Ansicht mobil sein. Nach amerikanischem Vorbild zieht die ganze Familie einfach um, wenn der Arbeitsmarkt es erfordert oder wenn irgendwo mehr verdient werden kann. Der Arbeitnehmer der Zukunft sollte ein globaler Nomade und "wohnmobil" zu sein. Heimat ist es dann, wenn der Hamburger überall auf der Welt gleich schmeckt...

In Deutschland entsteht gerade
eine neue, neoliberale und rechtskonservative "Deutsche Tea Party Bewegung" und die rechtspopulistische Atompartei AfD gibt sich geschickt als Heimatpartei aus. Ein schwerer Atomunfall oder ein Anschlag auf ein gefahrzeitverlängertes AKW könnte große Teile Deutschlands unbewohnbar machen und große Flüchtlingsströme auslösen. Es ist erstaunlich, dass gerade die Atomlobbyisten in der AfD vor diesen Gefahren die Augen verschließen und Windräder für gefährlicher halten...
Ansonsten wird "Heimatschutz" bei der AfD ja groß geschrieben. Doch die wirtschaftlichen Interessen der Atomindustrie gehen vor Heimatschutz.

Wenn sich die Umweltbewegung nicht anstrengt, dann wird die Rechte den Begriff Heimat wieder im alten, negativen Sinn besetzen.
Die Umweltbewegung darf nicht zulassen, dass rechte Parteien Umwelt- und Naturschutzthemen benutzen, um eine menschenfeindliche Politik zu betreiben. Umwelt- und Naturschutz ist immer auch Menschenschutz und Einsatz für Menschenrechte und Heimat.

Axel Mayer, BUND Geschäftsführer, Kreisrat, Vizepräsident TRAS und südbadischer Aborigine
(Dieses Textfragment entsteht gerade und ist noch ein Baustelle)


Heimat, Dialekt & Naturschutz: Nicht "tümelnd", sondern tolerant und weltoffen



"Heimat hört nicht an der Landesgrenze auf"


Bei den Heimattagen Baden-Württemberg in Waldkirch im Jahr 2018 durfte ich meinen Vortrag zum Thema "Umweltgeschichte am Oberrhein" halten. Jürgen Dettling hat für die Badische Zeitung dazu den folgenden Bericht geschrieben.

"Heimat hört nicht an der Landesgrenze auf"
Gleich zu Beginn seines Vortrags "Heimat und regionale Umweltgeschichte(n)" fragt Axel Mayer in die Runde der 40 Zuhörer: "Wer war 1975 in Wyhl?" Einige Hände gehen hoch. Der erfolgreiche Kampf gegen das damals geplante Atomkraftwerk im Rheinauenwald ist einer der Höhepunkte im Stammbuch der regionalen Umweltbewegung.
Das Wort "Heimat" benutzt der Referent erst ganz am Ende seines anderthalbstündigen Vortrags. Und doch steht es immer wieder im Raum. Aus der Sicht Mayers – und er füttert diese aus der Praxis entstandene Überzeugung mit zahlreichen Beispielen – ist "Heimat" das Dreiländereck am Oberrhein. Weil Umweltgefahren und -beeinträchtigungen nicht an Staatsgrenzen Halt machen und die Umweltbewegung in ihrer Geschichte sich immer als eine verstanden hat, die Badener, Elsässer und Schweizer zusammenbringt. "Die Zusammenarbeit der Umweltschützer", so Mayer, "ist schon immer grenzüberschreitend gewesen. Wir sind gegen Nationalismen und für einen weltoffenen Heimatbegriff. Wir wollen Europa menschenfreundlich weiterentwickeln und werden uns den Begriff nicht von der politischen Rechten madigmachen lassen. Heimat braucht intakte Natur und das Miteinander der Menschen aller Kulturen. Sie ist bunte Vielfalt und nicht monokulturelle Einfalt."

Axel Mayer, Jahrgang 1955, ist auf Einladung der Waldkircher Ortsgruppe des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) gekommen. Einen kompetenteren Referenten für das Thema "Geschichte der Umweltbewegung in der Regio" gibt es kaum. Als junger Bursche fand der geborene Teninger und heutige Kaiserstühler die Atomkraft "eigentlich gut". Das sollte sich in den 1970er Jahren rasch ändern. Damals wurde aus Mayer der umfassende Umweltschützer und Aktivist, der er bis heute geblieben ist. Die letzten 25 Jahre auch als Geschäftsführer des BUND-Regionalverbands Südlicher Oberrhein. Sein Vortrag ging tief in die Geschichte, er galoppiert durch die Jahrhunderte. Umweltschutz kommt seit jeher ins Spiel, seit die Menschen sich die Natur nutzbar machen. Die große Kunst dabei ist, dies sinnvoll, also nicht zerstörerisch zu tun.

Schwerpunktmäßig vom Bergbau im Mittelalter bis heute zieht Mayer die historische Linie. Den Beginn der organisierten Umweltbewegung in Deutschland datiert er auf die Gründung des Schwarzwaldvereins im Jahre 1864. Besonders lebendig werden seine Erzählungen immer da, wo er selbst beobachtender Zeuge war oder aktiv mitgemischt hat. An Bauplatzbesetzungen im Dreiländereck werden wir erinnert, an den Kampf gegen Atomkraftwerke und Giftschleudern, an Wasserverschmutzung, Grundwasserverseuchung, Waldsterben, Genmanipulation, Flächenverbrauch und Zersiedlung und vieles mehr. Die subjektive Wertung Mayers verbucht Siege und Niederlagen der Umweltbewegung. Freimütig räumt er ein, dass natürlich von den Umweltschützern auch Fehler gemacht wurden.

Und heute? "Es ist gut", sagt Mayer, "dass es sowohl die Naturschützer gibt als auch die Umweltschützer, die versuchen, politische und wirtschaftliche Zusammenhänge aufzuzeigen und daraus dann sinnvolle Strategien abzuleiten." Sehr intensiv arbeitet er derzeit an Aufklärung über das Artensterben, vor allem das Verschwinden der Insekten. "Es ist schwieriger geworden", sagt er. "Früher haben wir oftmals mit punktuellen spektakulären Aktionen etwas erreicht. Heute müssen wir vor allem mit langem Atem und mit Blick auf weltweite Zusammenhänge und in Richtung Nachhaltigkeit arbeiten. Aber nach wie vor gilt: Umwelt- und Naturschutz dient den Menschen und ist insofern auch Heimatpflege im besten Sinn." Der Vortrag erntete Applaus.





Heimat - Zitate:
  • Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird.
    Christian Morgenstern (06.05.1871 - 31.03.1914) deutscher Dichter und Schriftsteller

  • Wer die Heimatberge nicht liebt, kann auch fremde Täler nicht lieben.
    Aus dem Kaukasus

  • Die Heimat des Weltbürgers wird scharfsinnig erspürt,
    die des Volkstümelnden wird erjodelt.

    Raymond Walden (
  • 1945), Kosmopolit, Pazifist und Autor

  • `s Beispiel vom Bàim
    Lüag un lehr wia d’r Bàim sich
    tiaf in d’r Heimatboda tüat bohra
    so wàchst‚r hoch zum Liawesliad vo sina Bletter
    otmet Luscht üs àller Luft
    Sàft kunnt vo tiaf
    Liacht kunnt vo hoch
    ar singt im Niederwind
    ar singt im Ewerwind
    un steht noch gràd un steht noch krumm im Sturm un
    losst nitt luck
    verwurzelt hoch
    waltoffa tiaf


    (Adrien Finck)
















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Dieser Artikel wurde 1770 mal gelesen und am 2.5.2018 zuletzt geändert.