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Kosten! In Hinkley Point wird sich die Atomlobby zu Tode siegen (Atomkraft für Atomwaffen?)

24.11.2016

Kosten! In Hinkley Point wird sich die Atomlobby zu Tode siegen (Atomkraft für Atomwaffen?)


Die britische Regierung gab am 15.9.2016 ihre Zustimmung für das AKW-Projekt Hinkley Point C. Das Vorhaben solle umgesetzt werden, erklärte Energieminister Greg Clark. Das Projekt mit zwei zusätzlichen Reaktoren vom Typ EPR (Europäischer Druckwasserreaktor) an der Westküste Englands soll nach früheren Angaben rund 21,5 Milliarden Euro kosten, rund ein Drittel soll der chinesische Partner China Nuclear Power Corporation (CGN) finanzieren.

Sonne, Wind & Wasserkraft: Energiealternativen sind kostengünstiger als das britische AKW Hinkley Point

Die Photovoltaik wird schon in wenigen Jahren an vielen Standorten auf der Erde den preisgünstigsten Strom erzeugen können. Das ist das Ergebnis einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) im Auftrag von Agora Energiewende aus dem Jahr 2015. Demnach werden sich die Erzeugungskosten in Mittel- und Südeuropa bis zum Jahr 2025 auf vier bis sechs Cent pro Kilowattstunde verringern, bis 2050 auf zwei bis vier Cent. Seit den 80er-Jahren sind die Preise für Photovoltaiksysteme auf ein Zehntel ihres einstigen Wertes gefallen. Durch technische Fortschritte und steigende Produktionsmengen dürfte die Entwicklung anhalten, wenngleich sich der Preisrückgang naturgemäß verlangsamt.

Im März 2016 hatte EdF-Finanzvorstand Thomas Piquemal seinen Job hingeworfen, weil er das Projekt für größenwahnsinnig und gefährlich für den Bestand des Konzerns hielt. "Wer wettet 60 bis 70 Prozent seines Vermögens auf eine Technik, von der man immer noch nicht weiß, ob sie funktioniert, obwohl man seit zehn Jahren versucht, sie zu bauen?", echauffierte sich Piquemal.
Quelle: Süddeutsche Zeitung

Die geplante Erweiterung des britischen Atomkraftwerk Hinkley Point (durch den Reaktorteil C) soll eine skandalöse Vergütung von bis zu elf Cent pro Kilowattstunde erhalten – und dies für 35 Jahre garantiert mit zusätzlichem Inflationsausgleich. Dies ist ein maßlos überhöhter Preis. Die Regierung garantiert über 35 Jahre 92,50 Pfund pro Megawattstunde, knapp 104 Euro. An den europäischen Strombörsen kostet diese Einheit im Winter 2016 etwa 38 Euro. Ansonsten könnte Hinkley Point nach Regierungsangaben nicht rentabel betrieben werden. Das wird ein riskanter, teurer Spaß für die Energiekunden in England. Bisher waren "nur" die Umwelt-Argumente auf der Seite von uns Atomkraft-Gegnern. Jetzt ist es auch die Ökonomie.
In Hinkley Point wird sich die Atomlobby zu Tode siegen.

Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer




Nachtrag:



Hinkley Point, Atomwaffen & Atom-U-Boote
Beim ersten neuen Atomkraftwerk in Großbritannien seit über 20 Jahren geht es nur nebenbei um die Stromversorgung. Tatsächlich ist Hinkley Point C ein militärisches Projekt, das für die Erneuerung der Atom-U-Boot-Flotte Trident wichtig ist. Das legt ein Bericht der Universität Sussex und ein Bericht in der TAZ nahe.
Mehr Infos Hier



Günther Oettinger: EU - Kommissar, Atomkraft, AKW, Geld, Macht & Lobby

Das Beispiel Günther Oettinger zeigt stellvertretend eines der großen europäischen Probleme. Wir haben ein erfreulich demokratisches Europäisches Parlament und wir haben die erschreckend machtvolle Europäische Kommission, in der immer noch die wichtigsten Entscheidungen getroffen werden. Und in diese Kommission entsenden die Länder häufig Industrielobbyisten. Günther Oettinger war eigentlich immer schon ein Lobbyist der großen Atom- und Kohlekonzerne EnBW, E.on, RWE, Vattenfall & EDF. Er vertritt die Interessen der Konzerne und nicht die Interessen der Menschen. Die Umweltbewegung hat dies bisher viel zu wenig kritisiert. Wir sollten uns mehr um Europa kümmern!

Als Atomlobbyist war der ehemalige Regierungschef von Baden-Württemberg und heutige EU-Energiekommissar Günther Oettinger immer schon aktiv

Ungeachtet des in Deutschland geplanten beschleunigten Ausstiegs aus der Atomkraft will Günther Oettinger an der Nutzung der Atomkraft festhalten und für den Bau neuer Atomkraftwerke in Europa eintreten, wie die „Süddeutsche Zeitung“ vom 9.12.2011, unter Berufung auf einen vertraulichen Entwurf der EU berichtete.

Selbst Subventionen für Investitionen in neue Atomkraftanlagen ermöglicht Herr Oettinger und erfüllt so treu die Wünsche seiner Auftraggeber in der Atomindustrie. Natürlich gebe es für die Wahl des Energiemixes nationale Grenzen. Dennoch wünscht sich die EU offenbar mehr Einfluss auf energiewirtschaftliche Entscheidungen im europäischen Raum. Es soll heißen, dass eine dahingehende Koordination nötig sei und diese mehr Sicherheit und weniger Kosten bedeute.

Der "Energiefahrplan 2050" läuft den deutschen Ausstiegsplänen offenkundig zuwider. Die Zweifel europäischer Bürger an der Atomkraft hält das Papier dank einer neuen Generation von Atomreaktoren für überwindbar.

Als Politiker getarnte Atomlobbyisten wie Herr Oettinger gefährden das Vertrauen der Menschen in die Politik und in die Europäische Union. Wir erleben immer wieder, wie Industrielobbyisten, als Volksvertreter getarnt, höchste Ämter in der EU erhalten.

Axel Mayer, BUND Geschäftsführer



Aktueller Einschub: Letzte böse Tat von Günther Oettinger in der Funktion als EU-Energiekommissar

EU-Kommission nickt Atomsubventionen ab
Elektrizitätswerke Schönau (EWS) bereiten bundesweiten Klagefonds vor

Soeben hat die EU-Kommission die Subvention des britischen Atomkraftwerkes Hinkley Point C abgesegnet. Die genehmigten Beihilfen setzen neue Rekordmarken in der europäischen Subventionspolitik und zeigen deutlich, welche absurden Blüten die Unwirtschaftlichkeit der Atomenergie treibt.

Die französische EDF möchte am britischen Atomstandort Hinkley Point ein Atomkraftwerk bauen, das sich nur mit exorbitanten Zuschüssen für den Konzern rechnet. Die britische Regierung plant dafür einen garantierten Abnahmepreis von 92,50 £ pro Megawattstunde (117,- €/MWh). Mit den beantragten Garantien inklusive Inflationsausgleich stünde laut Berechnungen der Financial Times der Stromabnahmepreis im Jahr 2058 bei 279 £ pro MWH (355,- €). Das entspricht etwa dem 10-fachen des aktuellen Preises an der Leipziger Börse, der gegenläufig zu den geplanten britischen Vergütungsentwicklungen seit Jahren kontinuierlich fällt.

Die Elektrizitätswerke Schönau haben die EU-Kommissare und die Bundeskanzlerin in einem offenen Brief aufgefordert, sich gegen die Subventionen einzusetzen, die dem Betreiber schon zu Beginn der Förderdauer einen Abnahmepreis garantieren, der mehr als das Doppelte des aktuellen britischen Börsenpreises beträgt. Nun haben die Kommissare mit ihrem Votum einen Präzedenzfall geschaffen, der geeignet ist, einen Dammbruch auszulösen. Weitere Neubauprojekte wie die desaströsen Nuklearbaustellen im finnischen Olkiluoto und dem französischen Flamanville sowie die Wiederbelebung unwirtschaftlicher Großprojekte könnten auf Kosten der Stromkunden vorangetrieben werden.

Die Regierung Österreichs hat bereits angekündigt, gegen die Pro-Atom-Entscheidung vor dem Europäischen Gerichtshof (EUGH) klagen. Die EWS Schönau werden eine Klage aktiv unterstützen und werden einen bundesweiten Klagefonds ins Leben rufen.

Im Gegensatz zu Österreich unternimmt die Regierung Merkel nichts – trotz der Lippenbekenntnisse zur Energiewende und bezahlbaren Strompreisen. Im Gegenteil: Angela Merkel und Sigmar Gabriel sollen einem Artikel des Handelsblatts zufolge im Gegenzug für ihr „Ja“ zum britischen Deal von der EU Kommission grünes Licht für die umstrittene Befreiung der deutschen Industrie von der EEG-Umlage bekommen haben. Damit richten sich beide Seiten des Deals gegen die Stromkunden.

Ursula Sladek, Vorstand der Netzkauf EWS eG
07673 – 8885-34, u.sladekews-schoenau.de


"Noch-EU-Energiekommissar Günther Oettinger sagte in diesen Tagen (Juli 2014) vor dem Wirtschaftsrat der CDU: Deutschland sei „unterwandert“ von Eigenheimbesitzern mit Solaranlagen, Bauern mit Bioenergie-Kraftwerken und Bürgern, die sich finanziell an Windkrafträdern beteiligen. Bisher hat die Politik den Bürgern empfohlen, sich an der Energiewende zu beteiligen. Doch jetzt werden sie für ihr Engagement als „Unterwanderer“ beschimpft. Demokratie pervers!

Selten hat sich ein für die Energie zuständiger Politiker selbst so entblößt und blamiert. Oettinger macht damit ganz deutlich, dass er Energiepolitik ausschließlich im Sinne der alten vier großen Energiekonzerne betreibt und nicht im Interesse von Millionen Bürgerinnen und Bürgern." Zitat Franz Alt




Quelle: Süddeutsche Zeitung

Europa - Fahne der Atomlobby




Günther Oettinger: EU-Energiekommissar, Atomkraft, AKW, Geld, Macht & Lobby
Eine kleine Artikelsammlung:



  • Pannen, Pech & Pleiten
    Es war wieder einmal jenem EU-Kommissar vorbehalten, dessen Ressort zwar mit Energie übertitelt ist, das aber richtigerweise eher „Pannen, Pech und Pleitedienst“ heißen müsste, wenn auch unfreiwillig, Licht ins Dunkel der weltweiten Förderwirtschaft zu bringen. Der Brüsseler „Pannen, Pech und Pleitedienst“ hat einen Namen und der lautet Günther Oettinger. Der EU-Kommissar predigt wie eine aufgezogene Spielzeuguhr immer wieder, dass erneuerbare Energien viel zu hoch gefördert würden. Er ließ seine Beamten zur Beweisführung einen Subventionsbericht erstellen, der seine Leier bestätigen sollte. Die Beamten waren fleißig. Sie listeten nicht nur die staatlichen Fördersummen für die Erneuerbaren auf, sondern auch die für die fossilen und atomaren. Der tatsächliche Bericht landete bei der Süddeutschen Zeitung. Die zu streichenden Passagen waren zwar rot markiert, aber noch nicht gelöscht. 27 Länder der Europäischen Union hatten erneuerbare Energieträger mit insgesamt 30 Milliarden Euro gestützt.

    Aber: Für nukleare Kraftwerke wurden 35 Milliarden aufgewendet und Kohle und Gas erhielten 40 Milliarden. Rechnet man die sozialen und gesundheitlichen Folgekosten dazu, so errechneten die EU-Beamten, wird die fossil-atomare Energiebranche jährlich mit 130 Milliarden Euro gestützt. Mit einem Klick auf die Löschtaste wurden die Zahlen geschönt. Im richtigen Leben würde man gefälscht sagen. Der Hokuspokus-Kommissar hat einfach die Fleckenschere genommen und die fossil-atomaren Schmutzpatzer aus dem Anzug geschnitten. Man kann davon ausgehen, dass ihm das löchrige Kleidungsstück in der alten E-Wirtschaft nach seinem vermutlichen Abgang als Kommissar im Jahr 2014 ein geeigneter Türöffner sein wird.
    Quelle: Dr. Hans Kronberger 2014

  • Der Kommissar geht um
    EU-Kommissar Günther Oettinger fordert beim Redaktionsbesuch bei der Wochenzeitung Kontext eine langsamere Gangart bei der Energiewende. Der schnelle Umstieg auf Erneuerbare sorge für höhere Strompreise und gefährde Arbeitsplätze. Zudem müsse das umstrittene Fracking hierzulande erprobt werden.
    Quelle: Kontext - Wochenzeitung

  • Konventionelle Energien werden noch immer höher subventioniert als erneuerbare. Weil das nicht gut ankommt, ließ EU-Kommissar Günther Oettinger offenbar einen Subventionsbericht frisieren.
    Quelle: N24

  • EU-Energiepolitik: Oettinger plant Atomoffensive
    Die Europäische Union setzt laut einem Zeitungsbericht weiter im großem Stil auf die Atomkraft, ein Grundsatzpapier sieht bis zu 40 neue AKW in 20 Jahren vor. Damit bahnt sich ein Streit zwischen der Bundesregierung und dem deutschen EU-Kommissar Oettinger an.
    Quelle: Der Spiegel


Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament, Rebecca Harms,
hat im Juni 2014 das Verfahren für die Nominierung des EU-Energiekommissars scharf kritisiert und erklärt, dass Günther Oettinger als Energiekommissar eine “Katastrophe” wäre. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe bereits ihren Parteifreund Oettinger positioniert. Auch die Polen hätten Interesse angemeldet.

“Beides wäre eine Katastrophe für die europäische Klima- und Energiepolitik”, schreibt Harms in einem Gastbeitrag für “Handelsblatt-Online”. Die Grünen-Politikerin warf dem amtierenden Energiekommissar Oettinger vor, in Brüssel “mit aller Kraft” eine erfolgreiche europäische Energiewende zu konterkarieren. “Aus der Krise mit Russland hat er nichts gelernt und setzt sich weiterhin stur für den alten Energie-Mix aus Kohle und Atom ein und sieht in Schiefergas die wichtigste Technologie der Zukunft.”





Ein für das Internet sehr umfangreicher Hintergrundbericht von Dr. Eva Stegen:



Energie- und Wirtschaftsexperten fassen sich an den Kopf, weil die Britische Regierung - bar jeglicher Vernunft - Milliarden für das teuerste Kraftwerk der Welt in den Sand setzt. Ein Scheitern ist mehr als wahrscheinlich, alle B-Pläne werden vorsätzlich blockiert und die Insel sehenden Auges in eine Versorgungslücke manövriert. Was soll das?
Nun liegt endlich die Erklärung auf dem Tisch: eine im Herbst veröffentlichte Studie der Uni Sussex zeigt anhand obskurer, militärpolitischer Dokumente minutiös auf, wie Stromkunden und Steuerzahlern hinterrücks das Geld für Militärsubventionen aus der Tasche gezogen werden soll. Es geht darum, die Kosten für die Runderneuerung der atomaren Abschreckung zu „maskieren“.
Der Daily Telegraph verfolgt die Hinkley-Zeitschiene nunmehr seit 2005. Inzwischen scheint mit Premierministerin Theresa May das vierte Staatsoberhaupt in Folge auf wundersame Weise den Verstand verloren zu haben; was mit immer neuen Experten-Warnungen aus dem gesamten politischen Spektrum belegt wird - von konservativen Atom-Befürwortern über Finanzexperten, Sicherheitsexperten, Politik-Beratern, Gewerkschaftern bis zu Nuklearexperten. Diese Warnungen schießen die Entscheidungsträger zum Entsetzen aller regelmäßig in den Wind. Die Experten aus dem Grün-Alternativen Milieu sind bereits hinter der Schmerzgrenze angekommen:„ … es gibt mir jedes Mal einen Moment der dämlichen Freude, wenn Sie der Zeitschiene eine weitere Kerbe hinzufügen.“ amüsierte sich Greenpeace Chefwissenschaftler, Dr. Douglas Parr, als der Telegraph der unendlichen Geschichte die 38-te Kerbe hinzufügte: im Juli 2016, anlässlich einer der zahllosen Hinkley-Entscheidung-verschoben-Schlagzeilen.

Hinkley induziert Dammbruch: eingemottete AKW-Pläne werden ausgegraben
Eine besonders aufsehenerregende Kerbe wurde am 8. Oktober 2014 eingeschlagen. Anstatt in Einklang mit dem EU-Wettbewerbsrecht den Genickbruch für den AKW-Neubauplan zu besiegeln, genehmige die bereits abgewählte EU-Kommission die hochumstrittenen Nuklear-Staatsbeihilfen; Mit denkbar knapper Mehrheit und quasi im selben Arbeitsgang mit dem Verlassen der Büros.
Ohne dieses Beihilfe-Konstrukt, das maßgeblich vom damaligen Energie-Kommissar Günter Oettinger mit eingefädelt wurde, hätte selbst der Dümmste begriffen, dass Atomkraft wirtschaftlich nicht darzustellen ist. Das betriebswirtschaftliche Selbstmordkommando sollte mit dem Brüsseler OK zur Plünderung der britischen Volkswirtschaft zunächst unterm Radar gehalten werden: mit steuerfinanzierter Festvergütung von 92,5 £ pro MWh, also rund dem Dreifachen des Preises an den Europäischen Börsen, wollte man über 35 Jahre mit abnahmegarantiertem, sündteurem Strom das Atomprojekt refinanzieren. Doch trotz überbordender Subventionszusagen klemmt die Baufinanzierung immer noch an allen Ecken und Enden.
Das OK der EU-Kommission für den Hinkley-Deal führte in Rest-Europa zu dem von Umweltschützern vorhergesagten Dammbruch, denn damit wurden auch eingemottete AKW-Neubaupläne andernorts wieder ausgegraben. Die Warner wurden schlicht nicht gehört. Wer 2014 etwas Deutschsprachiges zu Hinkley lesen wollte, landete meist in der österreichischen Presse. Die atomkritische Haltung dort gehört dank eines Referendums seit 1978 zur Staatsraison.
Schon 2008 war das Debakel vorprogrammiert: ausgerechnet der Europäische Druckwasser-Reaktor EPR sollte es in Hinkley sein, das „Flaggschiff“ des französischen Reaktorbaurs AREVA, dessen Schiffbruch man in Echtzeit auf vier Baustellen parallel nachverfolgen kann. Die Prognosen auf der Zeitschiene taugten schon bald als echte Lachnummern: zusätzlich zur Standard-Drohung „Ohne AKW gehen die Lichter aus“ stellte der EdF-UK-Chef de Rivaz 2007 noch den Weihnachtstruthahn mit Hinkley-Power für 2017 in Aussicht. Eine tollkühne Prognose, wenn man weiß, dass dieser Reaktortyp trotz verzweifelter Versuche noch nie fertig gestellt wurde, dass die vier Fiasko-Baustellen Kosten-Explosions-Salven produzieren (ursprünglich 3,3 Mrd. € pro Block, in Finnland und Frankreich bei Redaktionsschluss 10,5 Mrd. €) und die dass Zeitpläne mit verlässlicher Regelmäßigkeit über den Haufen geworfen werden (über die beiden Blöcke in Taishan, China sickern ebenfalls Chaos-Meldungen durch). Die irgendwann für den Doppelblock in Hinkley angedachten 7 Jahre Bauzeit sind utopisch – in Finnland wird aktuell über einen Netzanschluss nach 14 Jahren Bauzeit nachgedacht. Auch das Inbetriebnahme-Datum Nie“ wird von Experten diskutiert – die EPR-Reihe ist bereits eingestellt. Statt Weihnachtstruthahn wird’s 2017 im Vereinigten Königreich allenfalls gallischen Hahn vom Holzkohlegrill geben. Und womöglich flackern in Rest-Europa über Ökostrom-betriebene TV-Bildschirme Charity-Videos, in denen internationale Musikstars in weihnachtlicher Hilfsbereitschaft Kerzen für die dunklen britischen Inseln sammeln.
Die letzte britische Regierung unter David Cameron ließ kein Gedankenspiel aus, um ihr teures Atomspielzeug irgendwie finanziert zu bekommen. Der China-begeisterte Ex-Finanzminister Osborne versuchte alles, um an das Geld des himmlischen Friedens zu kommen. Der Staatskonzern China General Nuclear Power Company, CGN, soll einen Teil der Finanzierung stemmen. Als Dankeschön dürfen sie nicht nur auf der britisch-französischen EPR-Baustelle Erfahrungen und Anderes sammeln. Über weitere Atombaustellen dürfen sich die Chinesen auf der Insel einen Ruf als internationaler Reaktor-Bauer erarbeiten und von dort aus den Weltmarkt aufrollen – gerade in den Entwicklungsländern gibt’s ja noch mächtig was zu entwickeln. In den britisch-konservativen Regierungskreisen vergaß man unterdessen die eigenen Stromlückendrohungen, und beschnitt im Juli 2015 radikal die Erneuerbaren Energien – sie werden offenbar nicht als Plan B für die Versorgungssicherheit wahrgenommen, sondern vielmehr als lästige Konkurrenz, die natürlich schneller und billiger ans Netz kommt, als ein AKW-Neubau. Dass Hinkley den Staatskonzern EdF in die Insolvenz treiben wird, hatte auch sein Finanzchef begriffen, der im März 2016 entnervt das Handtuch warf. "Wer würde 60% bis 70 % seines Vermögens auf eine Technik wetten, von der wir noch nicht wissen, ob sie funktioniert, obwohl man seit zehn Jahren versucht, sie zu konstruieren?" so Thomas Piquemal vor seinem Wechsel zur Deutschen Bank.
Wenn die beiden vorgegebenen Haupt-Anliegen für den AKW-Neubau, Kosten und Versorgungssicherheit, eben dadurch konterkariert werden, was ist der wahre Grund für Hinkley Point?

Zwei zivil-militärische Synergie-Felder: Waffen und nuklear-Antriebe für U-Boote
Über den Brüsseler Flurfunk war es schon vor Jahren vernehmbar: Hinkley ist ein Militärprojekt. Vorschnelle Denker öffnen sofort die passende Schublade im Hinterkopf und assoziieren: Im AKW wird Plutonium erbrütet, das in Sellafield für den Waffenbau abgetrennt wird. Nächste Schublade: In Sellafield herrscht bereits Plutoniumschwemme, ergo … Und hier öffnet sich die Sackgasse: Wer als einzige zivil-militärische Synergie das Plutonium sieht, entlässt sein Gehirn mit dem Zauberwort „Verschwörungstheorie“ in die Denk-Auszeit. Dankenswerter Weise haben die Briten Parlamentsdokumente veröffentlicht, in den gleich alle Institutionen, die sowohl von der zivilen als auch von der militärischen Seite der Nuklear-Medaille profitieren, diese Synergien z.T. in Tabellenform auflisten. Neben Reaktorbau-Vertretern von Areva und Westinghouse, kamen die Kaderschmieden für Atomingenieure, Rüstungskonzerne und Vertreter für nukleare Antriebssysteme zu Wort. Die Ausbildungsstätte National Skills Academy Nuclear ging die Frage systematisch an: “Die Frage der Überschneidung zwischen Zivilem und Militärischen kann in zwei Bereiche unterteilt werden: Waffen und Atom-U-Boot-Antrieb.“ Ein ganz wichtiger Punkt, denn die Glaubwürdigkeit der nuklearen Abschreckung, auf die die Briten allergrößten Wert legen, und die sie sich - nach der Parlamentsabstimmung vom 18. Juli 2016 für die Runderneuerung der U-Boot-Flotte - mindestens £ 31 Mrd. kosten lassen, steht und fällt mit dem Atomantrieb der U-Boote. Damit patrouillieren sie tagtäglich durch die Weltmeere, unerkannt und mit enormer Reichweite - dank des Nuklearantriebs ohne Tank-Stopps für Treibstoff bzw. Sauerstoff. Die Atomsprengköpfe der 16 Trident-Raketen, die sie transportieren, stehen auf einem anderen Blatt.

Modularer Ansatz – AKW untergetaucht oder an Land
Erhellend auch die Aussage des AREVA-Konkurrenten Westinghouse, der sich um den Standort Hinkley Point bemühte. Das Reaktordesign sei modular aufgebaut, und so seien die Module, die BAE-Systems in Atom-U-Boote montiert, vom selben technologischen Ansatz, wie die Module, die sein Unternehmen im Kernkraftwerksbau einsetzt. „So gibt es reichlich Spielraum für gegenseitige Befruchtung für beide Seiten.“ sagte er und leitete zu einem weiteren Knackpunkt über, dem Fachkräftemangel in allen Nuklear-Bereichen: „Hier ist Potential, dass Leute, die in einem der Bereiche eintreten, im Laufe ihrer Karriere in den anderen Bereich überwechseln können. Ich denke, diese Vielfalt stellt ein Plus an Attraktivität dar, um überhaupt Menschen in den Nuklearbereich zu bringen.“
Der Vertreter von BAE-Systems, dem zweitgröße Rüstungskonzern der Welt, der gleichfalls am zivilen Atom-Geschäft verdient, erklärte wie schwierig es insbesondere nach Reaktorkatastrophen sei, junge Leute für ein Nuklearingenieurs-Studium zu ködern: „Ich erinnere mich, die Atomingenieure waren die Aussätzigen am College.“


Die Ausführungen des Dalton Nuklear Instituts an der Uni Manchester, nach eigenen Angaben weltweit führende Forschungs- und Ausbildungsstätte in der Kernenergie, sollten dann auch den letzten Anhänger von Verschwörungstheorien umdenken lassen: „In der Vergangenheit wurde das militärische Programm weitgehend isoliert vom zivilen Programm entwickelt. Aus Rücksicht auf Geheim-Informationen. Indes, es gibt die Möglichkeit für eine Zusammenarbeit von zivilem und militärischem Programm, bei der Entwicklung eines Kompetenz-Pools und in der Forschungsförderung, bei dem nur die wirklich geheimen Aspekte des Militärprogramms separat gehalten werden. Das Vereinigte Königreich ist derzeit nicht in der Lage, es hat weder die finanziellen noch die personellen Ressourcen, um beide Programme isoliert zu entwickeln.“
Seine Beispiele für die Durchlässigkeit zwischen zivilem und militärischem Nuklearbereich werden detailliert auch von Atom-U-Boot-Konstrukteur Rolls Royce genannt: Maschinenbauer, Anlagen-Elektroniker, Spezialisten für Radiochemie, Radiophysik, Werkstoffkunde, Thermodynamik, Strömungstechnik, Thermohydraulik, Datenauswertung, Reaktorsicherheit. Doch Westinghouse legt den entlarvenden Schlusssatz nach: “Diese Verbindung muss allerdings mit Vorsicht behandelt werden, um die Wahrnehmung zu vermeiden, dass das zivile und das militärische Atomprogramm ein und dasselbe sind.“


Jeder kocht sein nationales Atom-Süppchen
Die Strategie, dass über die Stromkunden der Verteidigungshaushalt entlastet wird, hätte aufgehen können, wenn der EPR nicht so grandios gefloppt hätte. Bei den französischen Reaktorbauern rechnet man sich – aller Realitäten zum Trotz – immer noch Chancen auf dem Weltmarkt für Atomkraftwerke aus. Ebenso wie in China, mit der Doppelstrategie: erst in Hinkley mitmischen, dann in Bradwell einen chinesischen Reaktor bauen. Der Plan, der mit dem EPR gerade gründlich in die Hose geht, soll mit Hualong-One aufgehen: mit dem Referenz-Reaktor im westlichen Industrieland will China auf Kundenfang in Europa, Lateinamerika, Afrika und Südasien gehen.
Bereits zu Camerons Amtszeit fragten Experten laut nach der militärischen und sicherheitstechnischen Sinnhaftigkeit, ausgerechnet einen Chinesischen Staatskonzern in das Herz der britischen Nuklear-Industrie vordringen zu lassen. Nach Camerons Abgang wurde die Gemengelage nicht einfacher. Hatte er sich womöglich noch ausgerechnet, aus dem Brexit-Referendum als gestärkter Europäer hervorzugehen und mit entsprechendem Rückenwind einen Durchmarsch bei der Abstimmung über die Milliarden-schwere Erneuerung der U-Boot-Flotte hinzulegen, kam mit der Abstimmung für den Brexit gleich alles ganz anders.
Theresa May sorgte prompt für eine neue Kerbe in der Hinkley-Zeitschiene: Stunden nachdem der Energieriese EdF, nach x-fachem Aufschub seine finale Pro-Hinkley-Entscheidung bekannt gab, kündigte die neue britische Regierungschefin eine weitere Überprüfungsrunde an. Ihr Senior-Berater Nick Timothy warnte, China könne seine Position nutzen, um Schwachstellen in den Computersystemen zu installieren, und auf diese Weise die britische Energie-Produktion nach Belieben lahmzulegen. Wenig vertrauensbildend waren die zeitgleichen Schlagzeilen über einen CGN Ingenieur, der wegen Nuklearspionage in den USA im Gefängnis saß. Die Süddeutsche berichtete über Schmiergeldzahlungen, eine 17-seitige Anklageschrift und resümierte, dass der geplante Bau des AKW Hinkley Point C drauf und dran sei, “sich zu einem Agenten-Thriller zu entwickeln.“

Regierungsbeamten suchen nach Rückzugsmöglichkeiten aus Hinkley-Projekt
Ende August rieben sich die Leser des Independent die Augen, denn dieser titelte „AKW Hinkley Point: Regierungsbeamte prüfen Wege, wie sich Großbritannien aus dem Deal zurückziehen kann“.
Ziemlich unverblümt sprachen „Regierungsquellen“ gegenüber der Zeitung über „Arbeitshypothesen von Leuten in der Regierung“, dass Beamte einen Weg suchen, nach einem „legalen Schlupfloch, einer Klausel“ für einen Rückzieher ohne größere Verluste und ohne Gesichtsverlust für die Regierung.
Am 15. September siegte die Gesichtspflege abermals über den gesunden Menschenverstand: Theresa May beugte sich dem Druck Chinas „das mit massiven diplomatischen Verwicklungen gedroht hatte – und mit dem Entzug von Investitionen in die marode britische Infrastruktur“, so Dr. Reinhard Uhrig, Hinkley-Point-Experte der österreichischen NGO Global 2000. Die aktuelle Regierung schiebe auf diese Weise Probleme mit Regresszahlungen an das Reaktorbau-Konsortium einfach in die Zukunft. So wahrt entlang der Zeitschiene jeder der Mitschuldigen sein eigenes Gesicht, während der Karren immer tiefer in den Dreck gezogen wird, bis sich die Atomlobby zu Tode gesiegt hat.

Der Weiße Elefant – ein Geschenk unter Feinden
Hinkley Point C wird im UK oft mit einem weißen Elefanten verglichen. Die Albinos sind sehr pflegeintensiv, durften aber nicht zur Arbeit eingesetzt werden, weil sie heilig sind. Somit waren sie eine hohe finanzielle Last für denjenigen, der ein solch feindschaftliches Geschenk bekam. Da es keine Möglichkeit gab, mit dem Tier einen Profit zu erwirtschaften, trieben die hohen Unterhaltskosten manchen Beschenkten in den Bankrott.













Aktueller Einschub:





10 Jahre nach dem Atomunfall in Fukushima.


Vor 10 Jahren, am 11. März 2011 begann mit dem Tōhoku-Erdbeben die Atomkatastrophe von Fukushima. In vier der sechs Reaktorblöcke gab es extrem schwere Unfallabläufe, teilweise mit Kernschmelzen und ein massives Entweichen von Radioaktivität. Es war einer dieser typischen schweren Atomunfälle, ein Katastrophenablauf mit dem die Betreiber im Vorfeld nicht gerechnet hatten. Glück im Unglück war ein gnädiger Wind, der in den Anfangstagen die Radioaktivität aufs Meer hinaustrug und nicht in die nahe Metropolregion Tokio mit ihren 37 Millionen Menschen.
Wenige Monate nach den Kernschmelzen in den Atomanlagen Fukushima Daiichi traf der Betreiber Tepco, und die japanische Regierung die Vereinbarung den geschmolzenen Kernbrennstoff binnen eines Jahrzehnts aus den zerstörten Meilern zu bergen, doch wie so viele Versprechungen des japanischen atomaren Dorfes ist dies nicht geschehen. Erfolgreich war allerdings die Nach-Unfall-Propaganda, die heute Krisenkommunikation genannt wird.

In Deutschland versucht insbesondere eine Tarnorganisation der Atomindustrie, die
sogenannte "Critical Climate Action" Atom-PR zu betreiben.

Hier geht´s zum vollständigen Fukushima Text









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Dieser Artikel wurde 2221 mal gelesen und am 12.1.2017 zuletzt geändert.