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Integriertes Rheinprogramm IRP: Mehr Hochwasserschutz und Naturschutz am Rhein - Die Auen am Oberrhein

27.07.2013

Das Integrierte Rheinprogramm, IRP, Naturschutz & Hochwasserschutz am Rhein

Letzte Chance für das fast verlorenes Paradies am Oberrhein?

Es gibt sie noch,
Wildkatze, Eisvogel, Pirol, Graureiher und Kormoran, Grasfrosch und Gelbbauchunke, Ringelnatter und Prachtlibelle. Altrheinarme mit kristallklaren, von Quellen gespeisten Giesen. Mächtige Bäume mit Lianengirlanden. Alte, hölzerne Fischerkähne, unter Weidengalerien. Wunderschöne Auewälder wie den Taubergießen mit großen Orchideenwiesen und den einst heiß umkämpften Wyhler Wald, wo das Badenwerk ein AKW bauen wollte. Dschungel..., nicht im weit entfernten Amazonien sondern hier am Oberrhein, Urwald, Rheinwalddschungel. Erinnerungen an lang verlorene, große Wälder und Landschaften, die einst überall entlang des Rheines vorzufinden waren. Natur, Naturreste, Naturfragmente.

Ein fast verlorenes Paradies ...
denn von den ursprünglich vorhandenen Auewäldern am Oberrhein sind nur noch 2% in naturnahem Zustand übriggeblieben. Hier, in unserer Heimat, hat über zwei Jahrhunderte hinweg ein Zivilisations- und Zerstörungsprozess stattgefunden, wie wir ihn im Moment in den Wäldern Amazoniens beobachten und beklagen. Doch je weiter entfernt das Umweltproblem, desto leichter fällt die Empörung. Wir in Mitteleuropa und wir am Oberrhein haben unsere natürlichen Auewälder dem Fortschritt geopfert - und der Zerstörungsprozess schreitet fort. Der Zerstörungsprozess hat aber auch Reichtum und mehr Sicherheit vor Hochwasser, zumindest am südlichen Oberrhein gebracht.

Urwald und Wildnis
waren in den Köpfen der Menschen viel zu lange Unland, also potentielle Bau-, Strassen-, Landwirtschafts- und Industrieflächen. Die Sicherungsmaßnahmen vor Hochwasser waren sicher berechtigt, aber dann wurden Wohngebiete und Industrieanlagen viel zu nahe an den zum Kanal verkommenen Rheinstrom gebaut. Im Herzen der verblieben Restwälder breiten sich heute Kiesgruben wie Krebsgeschwüre aus. Aktuelle Beispiele der fortschreitenden Zerstörung gibt es viele: Die Landesstrasse L 113 bei Sasbach, der erweiterte Kiesabbau bei Burkheim, die Jungbunzlauer Zitronensäurefabrik bei Marckolsheim (F), die geplante Schwerindustriezone bei Nambsheim (F)...

Doch immer mehr Menschen
verspüren ein Bedürfnis nach Natur, nach unberührter Landschaft und Wildnis. Fernreisen in die Savannen Afrikas und die Hochgebirge Asiens sprechen genauso für diese Ahnung des Verlorenen wie der zunehmende Freizeitdruck auf die übriggeblieben Naturreste in Deutschland. Gehen Sie einmal an einem schönen Frühlingstag auf den übervollen Pfaden im Naturschutzgebiet Taubergießen spazieren. Immer mehr Menschen mit immer mehr Freizeit drängen sich und bedrängen die kleiner werdenden Fragmente von Restnatur.


Kanalisierte Rheinzuflüsse verstärken das Hochwasser: Elz, Dreisam, Glotter, Kinzig, die kanalgewordenen Sünden der Vergangenheit


Die Sünden der Vergangenheit und der Gegenwart
beginnen uns einzuholen. Während die zu naturfernen Kanälen geronnenen Rheinzuflüsse (Elz, Dreisam, Kinzig ...) und der Rhein das Wasser und insbesondere das Hochwasser immer schneller ableiten, wachsen die Sorgen der Menschen flussabwärts nach jedem langanhaltenden Regen. Fluss- und Bachbegradigungen, Bodenversiegelung, der Verlust von gewässernahen Überflutungsflächen und vielleicht schon die ersten Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels verstärken rheinabwärts die Hochwassergefahr. Wenn in Kölner Wohnhäusern die Gefriertruhen unter den Kellerdecken schwimmen, wenn zwischen Iffezheim und Bingen die aufgehäuften Sandsäcke nicht mehr ausreichen, um Menschen, Gebäude und Industrieanlagen zu schützen, wenn "Jahrhunderhochwasser" in immer kürzeren Abständen drohen, dann holen uns die ökologischen Sünden der Vergangenheit und der Gegenwart ein.

6 Milliarden Euro
würde ein Hochwasser, wie es theoretisch alle 200 Jahre auftritt, alleine auf dem kurzen Teilstück des Rheines zwischen Iffezheim und Bingen kosten. Die menschlichen und ökonomischen Schäden wären unabsehbar. Und wenn die viel zu nah an den Fluss gebauten Industrie- und Chemieanlagen überflutet werden, sind auch die ökologischen Folgen katastrophal.

Lösungsansätze
für die zunehmenden Probleme werden seit beinah drei Jahrzehnten diskutiert und geplant, während gleichzeitig die Naturzerstörung und Gefährdung durch Hochwasser fortschreitet. Ein Ansatz, die Probleme ansatzweise in den Griff zu bekommen, ist das IRP - das "Integrierte Rheinprogramm". Ursprünglich atmete dieses Programm zur Hochwasserrückhaltung den technokratischen "Un"geist der sechziger Jahre. Die Fehlplanungen der Techniker und Ingenieure in der Vergangenheit sollten mit technischen Methoden und massiven Eingriffen in die Natur angegangen werden. Das bedeutete Planungen für gigantische, naturfeindliche, Rückhalteräume. Also Polder (Wasserrückhalteräume) mit großen Einstauhöhen und stehendem Wasser, technokratische, naturferne Lösungen mit viel Beton.

Seit 1988
begleiten der BUND und die Naturschutzverbände diese Planungen kritisch und konstruktiv. Unsere Kritik verbunden mit zunehmendem ökologischen Denken nicht nur in der Verwaltung haben zu einer sanften aber nachhaltigen Veränderung der ursprünglichen rein technokratischen Pläne geführt. 13 Polder nördlich von Basel sollen Hochwasserrückhaltung mit Auenschutz, ja sogar mit Auenrenaturierung verbinden. Dort, wo die Kritik des Naturschutzes nicht berücksichtigt wurde, wie bei den viel zu großen Einstauhöhen des ersten Polders bei Kehl-Altenheim, zeigten die negativen Erfahrungen, dass Hochwasserschutzmaßnahmen nicht gegen die Natur realisiert werden können. Jetzt stehen, zumindest nach den offiziellen Planungen, Naturschutz und Hochwasserschutz gleichberechtigt nebeneinander. Das Abrücken der Behörden von den ursprünglichen technokratischen Plänen ist auch ein Erfolg der Naturschutzverbände. Ein Teilerfolg auch für die Menschen in den Gemeinden am Rhein. Doch örtliche Bürgerinitiativen und die Kieswirtschaft wollen jetzt das Rad wieder zurückdrehen und kämpfen gegen die ökologischen Aspekte des IRP.

Südlich von Breisach
hat sich der Rhein tief eingegraben. In den so entstandenen Trockengebieten sind wertvolle Lebensräume von europaweiter Bedeutung entstanden. Hier soll, fast bis Basel, ein im Mittel ca. neunzig Meter breiter Streifen (manchmal schmaler, an manchen Stellen wesentlich breiter) mehrere Meter tief ausgebaggert werden. Dadurch hat der Fluss im Hochwasserfall ein viel breiteres Bett und das Wasser fließt langsamer ab. Im neuen, tiefergelegten und breiteren Flussbett könnte eine neue Aue entstehen, und große Teile der wertvollen Trockengebiete können erhalten werden. Dennoch verschwinden für den Naturschutz einmalige Lebensräume. In unsere lokalen Abwägungsprozesse müssen wir Naturschützer aber auch die ökologischen Folgen eines extremen Jahrhunderthochwassers einbeziehen. Wenn flussabwärts die viel zu nahe an den Rhein gebauten Chemieanlagen überflutet werden, dann müssen diese Aspekte auch in unsere Diskussionen einfließen. Doch gewichtiger als unsere Argumente war bisher der politische Druckt der Kieswirtschaft. Mächtige Lobbygruppen hatten kein Interesse an einem ausgekiesten 90 Meter Streifen, denn dieser könnte auf dem Kiesmarkt zu einem preisdrückenden Überangebot führen. Sie und die Bürgerinitiativen im Norden wollten zurück zu technokratischen Wehrlösungen auf Kosten der Natur.

"Ein ganz besonderer Rückhalteraum soll zwischen Basel und Breisach entstehen. Für die Hochwasserretention entlang der 43 Kilometer langen Fließstrecke des „Restrheins“ sollen nicht die üblichen Polder - wie nördlich von Breisach - errichtet werden. Auch ein ehemals in Erwägung gezogenes Rheinhochwasserwehr steht offiziell nicht mehr zur Debatte. Der neue Ansatz: Das Bett des Restrheins soll durch eine Tieferlegung des südbadischen Rheinvorlandes so ausgeweitet werden, dass der Hochwasserabfluss im Restrhein stark abgebremst wird. Die anderenorts vorgenommene Rückverlegung von Dämmen ist am „Restrhein“ für eine Hochwasserretention nicht zielführend. Denn auf Grund der früheren Rheinbegradigungen hat sich der Rhein seit dem 19. Jahrhundert streckenweise um über 10 Meter in seinen kiesigen Untergrund „gefressen“ . Durch die geplante Tieferlegung des Rheinvorlandes könnte sich der Rhein im Hochwasserfall bis zu 700 m landeinwärts wieder ausdehnen. Auf den "Abtragsflächen" soll möglichst schnell eine auentypische Vegetation aus Weiden und Pappeln aufwachsen. Und genau auf diese neu entstehende Auenvegetation kommt es an: Der dichte Bestand von Weiden und Pappeln soll die Hochwasserfluten so stark verlangsamen, dass es rechnerisch zu einem Hochwasserrückhalt von 25 Millionen Kubikmetern (Äquivalent) kommt. Damit wird der Ablauf der Hochwasserwelle aus Basel im wesentlichen zeitlich verzögert."
Quelle und weitere Infos: Restrhein.de



Mehr Wasser für den Restrhein zwischen Kembs und Breisach
ist eine alte Forderung aller Umweltorganisationen und der Fischereiverbände. Durch die neue Betriebsgenehmigung für das 75 Jahre alte Kraftwerk Kembs wurden am Südlichen Oberrhein die Weichen gestellt. Unser gemeinsames Engagement gegen die Interessen der mächtigen EDF hat sich zumindest zum Teil gelohnt.
Um die Umweltziele zu erreichen, müsste der Restrhein bis Breisach mindestens 100 Kubikmeter pro Sekunde führen. Im Winter, wenn die Lachse laichen, sollten es wenigstens 80 Kubikmeter pro Sekunde sein. Das Angebot der EdF lag wie zu erwarten darunter: Von November bis März sollen 52 Kubikmeter, von Juni bis August zwischen 95 und 150 und in den übrigen Monaten zwischen 54 und 80 Kubikmeter pro Sekunde in den Altrhein geleitet werden. Dennoch ist dies ein Fortschritt, den es ohne die Umweltverbände nicht gegeben hätte.


Nördlich von Breisach
gibt es noch naturnahe Auenreste am Rhein. Hier sollen die anderen 12 Polder realisiert werden. Wassermangel, Monokulturen und Kiesabbau haben allerdings in der Vergangenheit enorme Schäden am Auewald angerichtet. Regelmäßige ökologische Flutungen, mit denen die Wälder auf die Hochwassersituationen vorbereitet werden sollen, Fließpolder, in denen das Wasser ständig in Bewegung ist, sowie geringe Einstauhöhen könnten hier die fast verloren gegangenen alten Rheinwälder wiederbeleben und gleichzeitig einen dezentralen Hochwasserschutz ermöglichen. Alle großen Naturschutzverbände wollen diese ökologischen Flutungen.

Doch zunehmender Widerstand
der sich auch in gut organisierten Leserbriefkampagnen ausdrückt, gefährdet die ausgehandelten Kompromisse und damit auch den Hochwasserschutz. Überall dort, wo am Rhein Polder geplant werden, bilden sich Bürgerinitiativen gegen diese Planungen. In den vergangenen Jahrzehnten wurde auch am Oberrhein häufig viel zu nahe am Rhein gebaut und in tief liegenden Gebieten Wohngebiete realisiert. Die Planungsfehler der Vergangenheit holen uns heute ein. Angst vor nassen Kellern durch steigendes Grundwasser, vor Schlamm und "Unordnung" im Wald, und Angst vor den Schnaken stehen im Hintergrund der Argumentation. Hier haben es die planenden Behörden leider bisher nicht verstanden, auf die Menschen zu zugehen und ihre Ängste ernst zu nehmen. Dort, wo die ersten Hochwasserpolder schon realisiert sind (Altenheim), sorgen leistungsstarke Pumpen dafür, dass das Grundwasser nicht steigt.

Ordnung & Sauberkeit contra „wilde“ Natur
Bei vielen großen Konfliktthemen im Rheinwald am Oberrhein und im Schwarzwald schimmert immer wieder eine deutsche Urangst hervor. Es ist die große Angst vor Veränderung und Unordnung. Das beginnt im Kleinen, beim sauber auf- und ausgeräumten Garten, in dem kein Vogel mehr einen Brutplatz findet. Es geht weiter mit der auf- und ausgeräumten Kulturlandschaft, wo Hochstammbäume und Hecken in der Maissteppe nichts mehr zu suchen haben. Doch auch die großen Konflikte um den Nationalpark Nordschwarzwald oder um die Ökologischen Flutungen beim Integrierten Rheinprogramm sind von solchen Ängsten geprägt. Ein Wald, der sich „ungeplant und nicht von Menschen gesteuert“ verändert, eine neu entstandene Kiesbank nach einem Hochwasser im Taubergießen... Solche Veränderungen oder gar „Wildnis“ lösen tiefsitzende Ängste aus.
Ein „aufgeräumter, sauberer“ Schwarzwald, eine zugemaiste Ebene und eine „Stadtparkbächlelösung“ statt ökologischer Flutungen am Rhein sind dann die Ergebnisse solchen Denkens. Ein Spaziergang auf dem Hochwasserdamm der gradgestreckten Kanäle von Rhein, Elz, Dreisam und Kinzig wird zum Natur-Abenteuer verklärt.

Massive wirtschaftliche Interessen
stecken leider auch häufig hinter dem Widerstand. Kies heißt immer auch Geld und Einfluss am Oberrhein. Die Kieswirtschaft und ihre Paten in der Politik befürchten negative Auswirkungen auf die Kiespreise durch den Kiesabbau im geplanten 90 Meter Streifen.
Dazu kommt die Angst der Kieslobby, durch die ökologischen Flutungen im Kiesabbau nördlich von Breisach eingeschränkt zu werden. Überall entlang des Rheins werden die verbliebenen, winzigen, naturnahen Restwälder durch massiven Kiesabbau ausgehöhlt und zerstört. Jetzt haben die Kieswerke Angst, dass die ökologischen Flutungen an einigen Tagen im Jahr den Kiesabbau und die damit verbundene Waldzerstörung "behindern" könnten. Der "stille aber effektive" Widerstand der Kiesindustrie gegen die ökologischen Flutungen waren bisher kein Thema in den lokalen Medien.


Einige Jäger fürchten um den Wildbestand.
Teile der Forstwirtschaft sorgen sich um einige standortfremde Wälder, die durch einen standorttypischen Wald verdrängt würden. Und dann gibt es natürlich immer noch einige Sportanlagen in den potentiellen Überflutungsgebieten. Angesichts von 6 Millarden Euro Schäden, die ein zweihundertjähriges Hochwasser alleine zwischen Iffezheim und Bingen anrichten würde, ist es unverständlich, warum hier keine großzügigeren Entschädigungen für Waldbesitzer und Vereine angeboten werden. Wenn der alte Sportplatz dem Hochwasserschutz weichen muss, dann sollte der Neubau an geeigneter Stelle kein finanzielles Problem für die Vereine werden. Wenn Sportplätze verlagert werden, wie z. Bsp. in Burkheim, dann sollten sie nicht in die letzten Rückzugsgebiete der Wildkatze gelegt werden, wie aktuell geplant.

Wo sind die vielen NaturschützerInnen & BiologInnen
in den wichtigen, aktuellen Naturschutzkonflikten am Oberrhein? Es gibt am Oberrhein eine Vielzahl von Menschen mit einem großen Wissen und Sachverstand in Sachen Natur und Umwelt. Doch in den großen Konflikten um unsere bedrohte Restnatur, sei es beim Nationalpark Nordschwarzwald, beim IRP, bei den Themen Flächenverbrauch und Zersiedelung halten sie sich meist "vornehm" und schüchtern zurück und überlassen die öffentliche Debatte & Leserbriefe den gut organisierten Lobbyisten und dem Stammtisch. Manche Spezialisten sehen auch nur ihr "Lieblingsbiotop" und vergessen darüber den großen Zusammenhang. Nur gemeinsam können wir wir die aktuellen Zerstörungsprozesse bremsen!


Eines von vielen Konfliktfeldern beim IRP war der in Breisach sehr umstrittene Querdamm, der zusätzlich Wasser zurückhalten sollte.
Ein Hochwasserdamm im Auewald bei Breisach sollte zusätzlich rund 1,8 Millionen Kubikmeter Wasser zurückhalten. Ein Damm ist natürlich immer auch ein Eingriff in die Natur.

  • Wer „nur“ den Hochwasserwasserschutz sieht, muss möglichst hohe Querriegel, Dämme und maximale Einstauhöhen fordern.
  • Wer „nur“ auf Naturschutzaspekte achtet, verwirft alle Querriegel und fordert frei fließendes Wasser in den Auen.


Aus reiner Naturschutzsicht müsste der BUND den Querriegel ablehnen. Doch der BUND ist ein Umwelt- und Naturschutzverband und wenn rheinabwärts die viel zu nahe an den Rhein gebauten Industrieanlagen "wegschwimmen" und für die Menschen dort massive Schäden entstehen, dann müssen wir auch diese Argumente in unsere Überlegungen einbeziehen und den Querriegel ohne Begeisterung akzeptieren. Hochwasserschutz mit Naturschutz verbinden bedeutet eben auch immer Kompromisse. Die beste Lösung wäre natürlich die Breisacher Polderfläche zu erweitern um die gleiche Wassermenge ökologisch vertretbarer zurückzuhalten. Doch solche Überlegungen stoßen vor Ort auf wenig Gegenliebe.
Es ist der Breisacher Bürgerinitiative gelungen die Pläne für einen Querdamm zu stoppen. Wo jetzt die rund 1,8 Millionen Kubikmeter Wasser zurück gehalten werden sollen ist offen. St. Florian regiert. Wir brauchen mehr und nicht weniger Hochwasserschutz!

Echter Hochwasserschutz durch das IRP?
Die Debatte um das IRP führt bei vielen Menschen zu der Illusion, die vorgesehenen Maßnahmen würden den "totalen" Hochwasserschutz am Rhein bringen. Doch beim IRP geht es nur um einen Teilschutz bei einem Hochwasser, wie es theoretisch alle 200 Jahre auftritt und auch bei diesem Hochwasser könnte nur für eine kurze Zeit den Fluten die Spitze genommen werden. Das ist ein großer Fortschritt und kann Milliardenschäden verhindern. Dennoch dürfen wir nie vergessen, welch schreckliche Katastrophen der Rhein schon angerichtet hat.

Hochwasser am Rhein: Das Beispiel Köln
Am Pegel Köln wurde am 27./.28 Februar 1784 mit 13,84 m das höchste und verheerendste Hochwasser gemessen. In jüngerer Zeit stieg der Rhein 1926, 1993 und 1995 jeweils auf 10,63 m bis 10,69 m. Bei jedem Hochwasser ab 10,70 m wird in Köln Katastrophenalarm ausgelöst. Die Altstadt wird dank neuer Schutzmaßnahmen nach den Hochwassern 1993 und 1995 erst bei 11,30 m überflutet, doch 1784 lag der Pegel bei 13,84 Meter. Das Hochwasserereignis wird als eine der größten Naturkatastrophen der frühen Neuzeit in Mitteleuropa angesehen. Das Hochwasser verwüstete ganze Talzüge, unzählige Brücken wurden zerstört. Es wird auch als „Jahrhundert-Eisgang“ oder „Eisflut“ bzw. „Winterhochwasser von 1784“ bezeichnet. Doch damals lebten wesentlich weniger Menschen im Überflutungsgebiet, es gab keine rheinnahen Atom- und Chemieanlagen und große Auen konnten zumindest einen Teil des Hochwasser zurück halten.
Wenn es heute als Erfolg gefeiert wird, wenn eine örtliche Bürgerinitiative in Breisach einen Querdamm verhindert der 1,8 Millionen Kubikmeter Wasser zurückhalten könnte, dann stellt sich schon die Frage ob aus der Rheingeschichte nichts gelernt wurde.

Mehr Transparenz
wollen auch der BUND und die großen Umweltverbände. Größtmögliche Sicherheit für die Menschen in den Gemeinden am Rhein und einen offenen Dialog zwischen Planern und Betroffenen sind unabdingbar. Hier hat die Verwaltung eine Bringschuld. Naturschutz, Hochwasserrückhaltung und ein unversehrtes Wohnumfeld der Anlieger müssen nicht nur in der Theorie, sondern auch bei der Umsetzung des IRP gleichberechtigt nebeneinander stehen.

„Inzwischen ist aus dem IRP aber ein Desintegriertes Rheinprogramm geworden, weil die Renaturierung der Auen nicht mehr stattfindet“, stellt Emil Dister fest, der Leiter des WWF-Aueninstitus am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Quelle: Stuttgarter Zeitung


Kieslobbyisten, Gruppen und Bürgerinitiativen
die aus vielfältigen Gründen die ökologischen Flutungen und damit die Naturschutzaspekte des IRP ablehnen, greifen immer wieder Teilargumente einzelner Vertreter der „reinen Lehre“ des Naturschutzes (Dr. Henrichfreise) auf und missbrauchen diese um die ökologisch sinnvollen und notwendigen Flutungen zu verhindern.
Der Schutz der wertvollen Quelltöpfe im Rhein ist auch für den BUND ein wichtiges Anliegen, doch zeigen die Erfahrungen in anderen Auen, dass hier keine Gefährdung vorliegt. Der Kiesabbau gefährdet die Quelltöpfe stärker als das IRP, doch das ist kein Thema für die Bürgerinitiativen.
Wer niedrigere Querriegel oder den Verzicht auf Querdämme fordert (was aus Naturschutzsicht durchaus sinnvoll wäre) der muss auch Dammrückverlegungen im Hinterland fordern und durchsetzen, damit die gleiche Menge Wasser für den Hochwasserschutz zurück gehalten werden kann.

Die großen Naturschutzverbände haben Kompromisse akzeptiert um den dringend notwendigen schnellen Hochwasserschutz nicht zu behindern.



Auch das Bundesamt für Naturschutz
schrieb in einer Presseerklärung: "Auetypische Flutungen am Oberrhein sind notwendig" und weiter: “Die Hochwasservorsorge darf nicht vernachlässigt werden. Das Bundesamt für Naturschutz begrüßt deshalb, dass Länder wie Baden-Württemberg mit dem “Integrierten Rheinprogramm“ (IRP) zum Hochwasserschutz beitragen“, sagte der Präsident des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), Professor Dr. Hartmut Vogtmann. Das BfN unterstützt das IRP stromabwärts von Breisach im Hinblick auf eine naturverträgliche Hochwasservorsorge. Insbesondere werden "ökologische Flutungen im natürlichen Wechsel mit anhaltend niedrigen Wasserständen" als Voraussetzung für einen naturverträglichen Hochwasserschutz vom BfN befürwortet. Nur naturnahe Hoch- und Niedrigwasserstände vermögen in den Auen wieder die natürlichen Bedingungen für eine auetypische Tier- und Pflanzenwelt zu schaffen. Naturnahe Überflutungsauen sind auch am besten geeignet, hohe Abflüsse zu verzögern, großräumig abzusenken und so Menschen vor Schäden zu bewahren". Zitatende

Das nächste "Jahrhunderthochwasserwasser"
am Rhein könnte morgen beginnen. Darum sind Verzögerungen bei der Umsetzung des IRP nach fast drei Jahrzehnten für den BUND nicht mehr akzeptabel. Wer gegen die gefundenen Kompromisse kämpft verzögert den Hochwasserschutz.


IRP: Eine Vision für den Rhein südlich von Breisach


Chancen für Mensch, Natur und Umwelt
könnte die Verbindung von Hochwasserschutz mit Naturschutz am Oberrhein bringen. Chancen für die Menschen flussabwärts, die vor den Folgen eines Hochwasser besser geschützt wären. Chancen für die geschundene Natur und die Auen am Oberrhein. Aus 2% verbliebenen naturnahen Auewäldern am Oberrhein könnten größere zusammenhängende Gebiete werden. Auch wenn der alte Wildstrom unwiederbringlich verloren ist: Das fast verlorenen Paradies, der kleine Dschungel am Oberrhein, hätte eine zweite Chance. Und auch die Menschen in den Gemeinden am Oberrhein könnten profitieren. Überall dort, wo Auen renaturiert wurden, hat ein naturverträglicher Tourismus eingesetzt, der Gelder in die Gemeinden bringt und Arbeitsplätze schafft. Ertragreiche Wälder sind auch in Auegebieten möglich. Und die Menschen sind stolz auf das gerettete Naturerbe vor ihrer Tür.

Doch machen wir uns nichts vor
Alle hier aufgeführten Maßnahmen und Ideen können nur die Spitze eines "kleinen bis mittleren" Rheinhochwassers für kurze Zeit kappen. Ein extremes Rheinhochwasser wie im Jahr 1784, das damals in Köln zu einem Pegelstand von 13,84 m führte, wäre auch heute nicht ansatzweise beherrschbar. Und heute wären nicht nur Millionen Menschen betroffen, sondern auch Chemie- und Atomanlagen die viel zu lange, viel zu nahe an den Rhein gebaut wurden. Angesichts von Klimawandel und zunehmender Zersiedelung und Versiegelung am Oberrhein wären weitergehende Ansätze, Überlegungen und Maßnahmen zum Hochwasserschutz unbedingt notwendig. Doch selbst für das kleine IRP brauchen wir über drei Jahrzehnte Planung und die bisher umgesetzten Renaturierungsmaßnahmen an Elz, Dreisam, Glotter, Kinzig, Rench und Schutter sind angesichts der Dimension der kommenden Hochwasserprobleme und wegen des örtlichen Widerstandes bisher noch nicht mehr als "gut gemeint".

Immer wenn das gerade aktuelle "Jahrhunderthochwasser" am Rhein abgelaufen ist und die Schäden beseitigt sind, ist zumeist alles wieder vergessen. Zumindest bis zum nächsten "Jahrhunderthochwasser" in 2, 5 oder 10 Jahren. Hier ist die Politik, auch auf regionaler und örtlicher Ebene gefordert.

Axel Mayer, BUND Regionalgeschäftsführer



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Gundolf Fleischer: Einer der Zeitschinder beim Hochwasserschutz
Das Ärgerliche an der Verschleppungsstrategie des ehemaligen Finanzstaatssekretärs Gundolf Fleischer besteht darin, dass damit auch der dringend notwendige Hochwasserrückhalt am südlichen Oberrhein – noch weiter als ohnehin – in Zeitverzug geraten ist. Die 13 Hochwasserrückhalteräume am Oberrhein hätten im Jahr 2015 betriebsbereit sein sollen. Jetzt ist vom Jahr 2028 die Rede.

Für die von Hochwasser bedrohten Kommunen am mittleren und nördlichen Oberrhein (Karlsruhe, Mannheim, Ludwigshafen, Worms usw.) könnte der Zeitverzug zur Tragödie werden – dann nämlich, wenn das nächste Extremhochwasser schon vor Fertigstellung der Rückhaltepolder heranrauschen sollte. Am Zeitverzug ist unter anderem auch die mächtige Opposition der südbadischen Rheinanliegerkommunen und der dortigen Bürgerinitiativen mit verantwortlich. Diese standen ebenso wie die Kiesbarone unter dem Patronat von Fleischer.

Die Legitimation der Stuttgarter Landesregierung gegenüber den Anliegerkommunen hat durch die Affäre Fleischer stark gelitten. Wie will man die skeptischen Anliegerkommunen von der Eilbedürftigkeit der Rückhaltemaßnahmen überzeugen, wenn einer der größten Zeitschinder mitten im Kabinett über Jahre hinweg Sitz und Stimme hatte?!

Ein Leserbrief von Nikolaus Geiler in der Badischen Zeitung



Der BUND, die Naturschutzverbände und das Bundesamt für Naturschutz sagen

Ja zu den Ökologischen Flutungen des Integrierten Rheinprogramms IRP
Das Integrierte Rheinprogramm (IRP) soll nicht nur dem Hochwasserschutz dienen, es ist auch eines der ganz großen Umwelt- und Naturschutzprojekte in Baden-Württemberg. Der dringend notwendige Hochwasserschutz für die Menschen am Rhein soll mit großflächiger Auenrenaturierung verbunden werden und ist so eine Chance für mehr Natur entlang des Rheins. Ein unerlässlicher Bestandteil des IRP sind ökologischen Flutungen. Mit ihnen soll der dynamische Wechsel zwischen niedrigen und hohen Wasserständen in den ehemaligen Rheinauen ein Stück weit wieder hergestellt werden. Nur so können Flora und Fauna an kommende Hochwassersituationen angepasst werden. Nur die ökologischen Flutungen bieten die Chance, dass aus den geringen Resten von Natur, die der Mensch dem Fluss gelassen hat, wieder Auewälder werden. Doch seit einiger Zeit begleitet zunehmender Widerstand das Rheinprogramm. Überall, wo Polder geplant werden, und wo die Gemeinden viel zu nahe am Rhein Siedlungen gebaut haben, sind Bürgerinitiativen gegen die Planungen und insbesondere gegen die ökologischen Flutungen aktiv. Angst vor nassen Kellern durch steigendes Grundwasser, vor Schnaken, Schlamm und “Unordnung“ im Wald stehen im Mittelpunkt der Argumentation.

Dort, wo die ersten Polder schon realisiert sind
(zum Beispiel in Altenheim), sorgen leistungsstarke Pumpen dafür, dass das Grundwasser nicht steigt. Schäden bei heutigen Hochwässern sind "höhere Gewalt", das heißt, wenn entgegen allen Annahmen in Zukunft Schäden auftreten, dann müsste der Staat die Folgekosten tragen und nicht die Anwohner. Wirtschaftliche Interessen stecken leider auch häufig hinter den Widerständen. Die Kieswirtschaft und ihre Paten in der Politik befürchten negative Auswirkungen auf die Kiespreise durch den Abbau im Tieferlegungsgebiet südlich von Breisach. Dazu kommt die Angst der Kieslobby, durch die ökologischen Flutungen im Kiesabbau entlang des Rheins eingeschränkt zu werden. Der Widerstand der Kiesindustrie gegen die ökologischen Flutungen war bisher noch kein Thema in den Medien Und dann gibt es natürlich immer noch einige Sport- und Freizeitanlagen in den potentiellen Überflutungsgebieten. Teilweise wurden diese erst in den letzten Jahren gebaut. Angesichts geschätzter 6 Milliarden EURO Schäden, die ein zweihundertjähriges Hochwasser alleine zwischen Iffezheim und Bingen anrichten würde, ist es unverständlich, warum keine großzügigeren Entschädigungen für Waldbesitzer und Vereine angeboten werden.

Auch das Bundesamt für Naturschutz
schrieb in einer Presseerklärung am 1. Oktober 2003: "Auetypische Flutungen am Oberrhein sind notwendig" und weiter: “Die Hochwasservorsorge darf nicht vernachlässigt werden. Das Bundesamt für Naturschutz begrüßt deshalb, dass Länder wie Baden-Württemberg mit dem “Integrierten Rheinprogramm“ (IRP) zum Hochwasserschutz beitragen“, sagte der Präsident des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), Professor Dr. Hartmut Vogtmann. Das BfN unterstützt das IRP stromabwärts von Breisach im Hinblick auf eine naturverträgliche Hochwasservorsorge. Insbesondere werden "ökologische Flutungen im natürlichen Wechsel mit anhaltend niedrigen Wasserständen" als Voraussetzung für einen naturverträglichen Hochwasserschutz vom BfN befürwortet. Nur naturnahe Hoch- und Niedrigwasserstände vermögen in den Auen wieder die natürlichen Bedingungen für eine auetypische Tier- und Pflanzenwelt zu schaffen. Naturnahe Überflutungsauen sind auch am besten geeignet, hohe Abflüsse zu verzögern, großräumig abzusenken und so Menschen vor Schäden zu bewahren". Zitatende

Über die geplanten Einstauhöhen
und die Höhe mancher Querriegel in den Wäldern muss mit den Planungsbehörden noch verhandelt werden. Dammrückverlegung ist immer die bessere Alternative zu den Querriegeln. Insgesamt aber steht der BUND mit den anderen Naturschutzverbänden hinter den Planungen, die Hochwasserschutz und Naturschutz miteinander verbinden sollen und die ungewöhnliche Möglichkeiten zur Schaffung und Entwicklung selten gewordener Lebensräume eröffnen.

Weitere Stimmen zum Rheinprogramm und den öklogischen Flutungen:


Die Umweltministerin des Landes Baden-Württemberg Tanja Gönner in einem Brief vom 22.11.2005
Die Hochwasserschutzstrategie des Landes hat zum Ziel, die Hochwassergefahren durch gemeinsames Handeln zu mildern und Hochwasserschäden durch ein gezieltes Hochwassermanagement zu vermindern oder ganz auszuschließen. Eine wichtige Rolle dabei spielt das Hochwasser-Flächenmanagement, das versucht, natürliche Überschwemmungsflächen zu sichern bzw. zurückzugewinnen. Die Entwicklung naturnaher Fließgewässer, die Bereitstellung von Flächen und die Wiederherstellung der Auedynamik tragen ebenfalls zum Hochwasserschutz bei. Auch die Maßnahmen des „Technischen“ Hochwasserschutzes müssen umweltverträglich sein und ökologische Belange berücksichtigen. Für den kommunalen Bereich haben wir einen Förderkorridor für Maßnahmen eingerichtet, die einen engen Zusammenhang zwischen Hochwasserschutz und Verbesserung der gewässerökologischen Situation erkennen lassen.


Speziell beim Integrierten Rheinprogramm (IRP) setzen wir nach wie vor auf eine umweltverträgliche Planung und einen umweltverträglichen Betrieb der erforderlichen Rückhalteräume. Zu den vorgesehenen ökologischen Flutungen in den Rückhalteräumen sehen wir keine Alternativen. Wir halten deshalb trotz des Widerstandes, der sich insbesondere in Südbaden zeigt, an den ökologischen Flutungen fest. Hier habe ich die Hoffnung, dass sich die Oberlieger ihrer Verantwortung für die Unterlieger bewusst werden und wir möglichst schnell die erforderlichen Planfeststellungen erhalten. Das Land ist hier in der Pflicht, den vereinbarten Hochwasserschutz zügig herzustellen.


CDU Umweltminister Ulrich Müller
verteidigt das Hochwasserprogramm am Rhein - Exstaatssekretär Ruder hält er für einen Agitator

(Stuttgarter Zeitung vom 20.12.2003 - Auszug aus einem längeren Interview)

Der südbadische Protest gegen die Hochwasserpläne am Rhein gefällt dem Umweltminister nicht. Was dort als Existenzbedrohung empfunden wird, ist für Ulrich Müller eine "Staatsaufgabe ersten Ranges". Mit ihm sprachen Thomas Durchdenwald und Josef-Otto Freudenreich.

Herr Müller, können Sie die Ängste der Südbadener eigentlich verstehen?

Ich kann sie dann verstehen, wenn sie auf berechtigten Zweifeln, auf objektiven Problemen beruhen. Ich bin nicht bereit, sie zu verstehen, wenn diese Ängste von außen geschürt oder wider besseres Wissen erzeugt werden.

Der ehemalige Staatssekretär Robert Ruder sagt, Sie behandelten seine Landsleute wie die "letzten Deppen".

Das ist diese Art von Agitation, die ich meine. Da hört es bei mir auf. Auf dieses Niveau begebe ich mich nicht. Solche Aussagen sind eines Staatssekretärs unwürdig.

Die Bürgerinitiativen vor Ort fühlen sich von Ruder durchaus gut vertreten.

Herr Ruder betont immer, keineswegs gegen den Hochwasserschutz zu sein, lehnt aber das Integrierte Rheinprogramm ab. Dann soll er mir mal erklären, wo er den Stauraum für 167 Millionen Kubikmeter Wasser hernehmen will, den wir zur Verfügung stellen müssen. Dazu haben wir uns international verpflichtet. Im Falle eines Hochwassers am Rhein haben wir Leib, Leben und Eigentum von 700 000 Menschen zu schützen, und Schäden in Höhe von sechs Milliarden Euro zu vermeiden. Das ist die Position der Landesregierung seit 15 Jahren, dazu gibt es Kabinettsbeschlüsse seit 15 Jahren und einstimmige Beschlüsse im Landtag.

Das juckt die Südbadener wenig, wenn sie um ihr Grund- und Trinkwasser fürchten.

Wir haben immer gesagt, dass wir zu hundert Prozent verantwortlich sind für Beeinträchtigungen, die wir im Zuge des Hochwasserschutzes auslösen. Wir haben alle Risiken, so weit es die Ingenieurskunst erlaubt, ausgeschlossen. Wenn es trotzdem zu Schäden kommt, werden wir Ersatz leisten. Und was kriegen wir zur Antwort? Dazu seid ihr eh verpflichtet. Wenn wir zusagen, die Pumpkapazität um 20 Prozent zu steigern, um den Grundwasserpegel niedrig zu halten, kommt die Replik: Aha, die trauen ihren eigenen Lösungen nicht.

Sie haben acht Bürgermeister und fünf Bürgerinitiativen gegen sich. Macht Sie das nicht nachdenklich?

Ich bin keine Dampfwalze, die alles plattmacht. Wir haben viele Anregungen der Bürger aufgenommen, ihre Einwände geprüft, wir haben unsere Planungen immer wieder erklärt und auch optimiert. Wir haben in Schwanau, wie sonst nirgends, über anderthalb Jahre ein Moderationsverfahren durchgeführt. Aber jetzt ist Zeit zum Handeln. Da bin ich sehr klar, sehr entschlossen. Es gibt für mich keinen Spielraum mehr im Hinblick auf das Ziel, auf das Stauraumvolumen und die Standorte. Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel.

Dann sagen die Menschen: So werden unsere Rehe zu Flusspferden, und unsere Fasane zu Enten.

Mit solchen Begriffen werden die Dinge falsch und polemisch beschrieben. Es geht um mehr Naturschutz, nicht um weniger. Es geht darum, Pflanzen und Tiere an Hochwasserereignisse heranzuführen, statt sie im Hochwasser zu opfern. Das ist ein Gebot des Naturschutzrechts, und das ist der Grund für ökologische Flutungen. Zu diesem Zweck fluten wir diese Gebiete flächenhaft an etwa 25 Tagen im Jahr, je nach Pegel des Rheins, aber immer so gering wie möglich. Dass die Bevölkerung dieses Gebiet dann nicht mehr in der Art nutzen kann wie früher, ist keine Frage. Aber es gibt eine andere Natur, eben eine hochwasserverträgliche. Und dort, wo wir das bereits gemacht haben, findet das auch seine Akzeptanz vor Ort.

Dann müssen sich die Südbadener an Seen vor der Haustüre gewöhnen.

Sie leben am Rhein. Ich möchte sie vor den Gefahren des Hochwassers schützen, und das in naturverträglicher Weise. Ich bin nicht versessen darauf, das Land unter Wasser zu setzen. Ich frage aber auch, was die Stuttgarter Zeitung schreiben würde, wenn wir 700 000 Menschen evakuieren müssten. Oder wenn wir bei einem Hochwasserfall in Rückhalteräumen eine auf Jahre hinaus völlig verwüstete Natur hätten. Im Übrigen können sich die Betroffenen die ökologischen Flutungen in Altenheim und künftig in Söllingen-Greffern ansehen. Die Bürgermeister der Gemeinden, in denen wir gebaut haben, haben wiederholt ihre Kollegen südlich von Iffezheim eingeladen. Dem kann ich mich nur anschließen. Deshalb mein Appell: Geht um Gottes willen dorthin und schaut euch an, wie es funktioniert. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

Ihr Parteifreund Gundolf Fleischer scheint davon nicht überzeugt zu sein. Er schreibt, er habe volles Verständnis für den Protest seiner Landsleute.

Dazu müssen Sie ihn selbst befragen.

Fleischer ist nicht irgendwer. Er ist stellvertretender Fraktionschef Ihrer Partei.

Das ist für mich keine Frage des Status oder des Verhältnisses eines einzelnen Abgeordneten zum Ministerium oder mir persönlich. Ich versuche die Dinge so sachlich und nüchtern wie möglich zügig zu bewältigen, um eine Lösung zu erreichen. Ich kann allen Beteiligten nur in Erinnerung rufen, dass wir ein Konzept vertreten, das politisch zehnfach abgesichert ist. In anderen Landesteilen höre ich eher den Vorwurf, zu langsam zu sein. Den lasse ich mir eher gefallen, weil wir in der Tat relativ spät dran sind mit der Umsetzung, und zwar deswegen, weil wir immer wieder auf örtlichen Wunsch in Alternativplanungen eingetreten sind.

Können Sie nicht verstehen, dass es für diese Menschen schwer ist, sich an eine veränderte Landschaft zu gewöhnen, in der sie seit Generationen leben?

Die Veränderungen finden zwischen Deich und Rhein statt, in den Wohngebieten ändert sich nichts. Und diese Veränderungen muss man mit den desaströsen Schäden vergleichen, die wir erleben müssten, wenn wir nichts täten. Die Alternative wäre eine Totalverwüstung, deren Dimensionen ich mir gar nicht ausmalen will.

Die ehemalige Kaiserstühler Ministerin Gerdi Staiblin am 10. April 2000
"Hochwasserschutz und Naturschutz schließen sich gegenseitig nicht aus"

Jahresprogramm des Naturschutzzentrums Rappenwört eröffnet

(Auszug aus einer Presseerklärung)

"Hochwasserschutz und Naturschutz schließen sich nicht gegenseitig aus." Diese Feststellung traf die Ministerin für den Ländlichen Raum, Gerdi Staiblin, am Montag (10. April) in Karlsruhe-Rappenwört bei der Eröffnung des Jahresprogramms des Naturschutzzentrums mit dem Schwerpunktthema "Hochwasserschutz und Naturschutz". Das Zentrum greife damit ein vieldiskutiertes Themenfeld auf, um eine vorurteilsfreie Meinungsbildung in der Bevölkerung zu fördern.

Die Ministerin erinnerte bei einem Blick in die Vergangenheit daran, dass die Siedler in der Rheinebene den wilden Strom als Bedrohung empfanden. Seine Hochwasser rissen immer wieder ganze Siedlungen fort und setzten Felder wochenlang unter Wasser. Um diese Gefahr zu bannen, führte man nach den Plänen von Johann Gottfried Tulla von 1817 bis 1880 die erste Rheinkorrektion durch. Siedlungsraum wurde geschaffen und die sumpfige Ebene in ein fruchtbares land- und forstwirtschaftlich nutzbares Gebiet verwandelt.

"Aus heutiger Sicht hatte der damalige Fortschritt aber auch seine Kehrseiten, denn die Oberrheinkorrektur und die gravierenden weiteren Ausbaumaßnahmen im 20. Jahrhundert führten zu einem Verlust von Überflutungsflächen. Wichtige Lebensräume für seltene Tiere wie Eisvogel, Biber und Schwarzstorch gingen verloren", sagte Gerdi Staiblin. An der Stelle eines durchgehenden, vernetzten Bandes von Auen gebe es heute nur noch kleine, isolierte Reste der ehemaligen Rheinaue und wegen des Baues der Staustufen verschärfte sich die Hochwassergefahr stromabwärts. Hier setzt, so die Ministerin, das vom Land Baden-Württemberg 1996 geschaffene "Integrierte Rheinprogramm" an. Mit diesem umfassenden Rahmenkonzept sollen Hochwasserschutz und Naturschutzziele gleichrangig verwirklicht werden. Das Programm wolle die Folgen des Oberrheinausbaues hinsichtlich der Hochwassergefahr abmildern und gleichzeitig verbesserte ökologische Bedingungen schaffen. So beinhalte es Maßnahmen zur Wiederherstellung des Hochwasserschutzes und zur Erhaltung oder Regeneration auetypischer Systeme in einer lebensfähigen Rheinlandschaft.

Gerdi Staiblin dankte dem Minister für Umwelt und Verkehr, Ulrich Müller, für die sehr konstruktive Zusammenarbeit. Sie sei sich sicher, dass man gemeinsam weiter auf diesem Weg des Miteinanders von Hochwasserschutz und Naturschutz vorankommen werde. Sie verwies beispielhaft auf die sogenannten ökologischen Flutungen, die seit 1989 in den Poldern Altenheim durchgeführt werden. In den überfluteten Flächen der Polder und im Grundwasser konnte wieder ein aueähnlicher Wasserhaushalt als Voraussetzung für die Auenrenaturierung hergestellt werden. Es liegen nach Angaben der Ministerin bereits erste positive Ergebnisse vor. So hätten die Flutungen die Entwicklung von hochwassertoleranten Lebensgemeinschaften in Gang gesetzt. Dies trage wesentlich zu einer Schadensverringerung bei Hochwasserflutungen bei. Ökologische Flutungen seien daher für Wiederherstellung und Erhaltung einer funktionierenden Aue unverzichtbar.

"Für die Maßnahmen des "Integrierten Rheinprogrammes" spricht die schlichte wirtschaftliche Vernunft, da sie die Elemente der Schadensvorsorge und der Schadensvermeidung in den Vordergrund stellt", betonte Gerdi Staiblin.






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Dieser Artikel wurde 33140 mal gelesen und am 21.10.2015 zuletzt geändert.