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Tschernobyl - WHO publiziert verharmlosenden Bericht zu den Folgen 20 Jahre nach Tschernobyl

IPPNW, 22.09.05

Die am 5.9.2005 veröffentlichten Zahlen der WHO zu den Opfern nach der Katastrophe von Tschernobyl sind unglaubwürdig und unverständlich. Die Erklärung findet sich im Vertrag vom 28.5.1959, der die WHO de facto unter die Kontrolle der IAEA brachte. Der WHO sind die Hände gebunden: Untersuchungen zu den Gesundheitsfolgen durch Radioaktivität sowie deren Publikation müssen von der Internationalen Atomenergieagentur IAEA bewilligt werden. Die Tatsache, dass die WHO selber erst 5 Jahre nach dem Super-GAU ihre Untersuchungen in Tschernobyl aufnehmen konnte, dokumentiert ihre Hilflosigkeit. Dass der aktuelle WHO-Bericht unter www.iaea.org eingesehen werden muss, macht nur allzu deutlich, wie sehr selbst die Logistik der obersten Weltgesundheitsbehörde von der Atomlobby abhängt. PSR/IPPNW Schweiz fordert die Entlassung der WHO aus der Abhängigkeit der IAEA schon seit Jahren!

Die Zensur durch die IAEA ist leider auf breiter Ebene wirksam. Nicht nur „Wissenslücken“, sondern auch die aktive Unterdrückung von wissenschaftlichen Daten ist mitunter Ursache für die Unsicherheit über das tatsächliche Ausmass der Gesundheitsschäden durch den AKW-Unfall. So ist das weissrussische Krebsregister durchaus eine verlässliche Grundlage zur Dokumentation der überproportional steigenden Krebsinzidenz in den stark radioaktiv verstrahlten Gebieten. Die in der Swiss Medical Weekly (www.smw.ch) bereits im Oktober 2004 publizierte Arbeit von Okeanow zu diesem Thema wird jedoch im aktuellen WHO-Rapport nicht zitiert. Ebenso fehlt ein Hinweis auf eine Publikation von Tondell von 2004, die die Zunahme der Krebshäufigkeit in Nordschweden im Zusammenhang mit den stark radioaktiven Niederschlägen nach der AKW-Explosion bringt.

Die Tatsache, dass die mittlere Lebenserwartung der Menschen in den verstrahlten Gebieten um 10 Jahre zurückgegangen ist, lässt sich nicht allein auf Panik und Verunsicherung oder soziale und wirtschaftliche Folgen der AKW-Katastrophe zurückführen. Ein solcher Zusammenhang ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Korrekt ist, dass es Hunderttausenden von Erwachsenen und Kindern in den betroffenen Gebieten körperlich und psychisch miserabel geht. Besonders betroffen sind die sogenannten Liquidatoren – 800 000 Aufräumarbeiter, die die stark verstrahlte AKW-Ruine und ihre Umgebung grösstenteils ungeschützt dekontaminieren mussten. Mindestens 100 000 von ihnen - damals junge, gesunde Männer - sind bereits verstorben, mehr als ein Drittel ist invalid. Für sie ist es besonders bitter, als Simulanten und nicht als Opfer einer riesigen humanitären Katastrophe wahrgenommen zu werden. Bei Liquidatoren wurden in einem hohen Prozentsatz strahlungsbedingte linksseitige Hirnschäden (bei Rechtshändern) objektiv mittels EEG (Elektroenzephalographie) und MRT (Magnetresonanztomographie) nachgewiesen. Zusammen mit den Schäden an Augen, Gehör und Gleichgewichtsorgan erklärt diese linkshemisphärische Degeneration zwangslos einen Teil der psychischen Phänomene wie Antriebslosigkeit und Depression als hirnorganische Strahlenfolgen. Diese, sowie weitere durch Radioaktivität hervorgerufene Gesundheitsschäden wie vorzeitige Alterung, Kreislauf -, Krebs- und Stoffwechselerkrankungen sowie Immunschwäche werden Gegenstand unseres wissenschaftlichen Symposiums an der Universität Bern vom 12.11.2005 sein.

Quelle: http://www.ippnw.ch/content/aktuell.htm#iaea


Hier: Hintergrundinformation Atomenergie und Atomkraftwerke


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Dieser Artikel wurde 4660 mal gelesen und am 1.3.2010 zuletzt geändert.