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Jahrhundertchance für die Revitalisierung des Restrheines jetzt nutzen!

17.11.2002
An die Medien

Die Teilnehmer der Konferenz:

Alsace Nature, BUND-Baden-Württemberg, BUND-Rheinland Pfalz, BASNU, BBU-AK Wasser, Internationale Arbeitsgemeinschaft Renaturierung Hochrhein, Landesnaturschutzverband, NABU, Landesfischereiverband Baden, Fédération des Pêches, Saumon Rhin, Rheinaubund, Rheinkolleg, La Petite Camargue Alsacienne, Conservatoire des sites Alsaciens, Regiowasser e.V., WWF Aueninstitut


Umweltverbände im Dreyeckland stellen Vision für naturnahen Hochwasserschutz am Rhein vor



Der Lachs muss wieder bis Basel kommen!

"Jetzt müssen die Weichen für eine umfassende Revitalisierung des südlichen Oberrheins gestellt werden!" Das war die Kernforderung eines Rheinkongresses, den 17 maßgebliche Umweltverbände aus der Nordwestschweiz, dem Elsass und Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz am Samstag (16. Nov.) gemeinsam im Kongresszentrum von Colmar durchgeführt haben. Thema des Kongresses war die Erarbeitung einer "Vision", die am Oberrhein zwischen Basel und Breisach gleichermaßen einen naturnahen Hochwasserrückhalt und eine umfassende Renaturierung des "Restrheins" ermöglichen würde. Um dem Lachsprogramm der Rheinanliegerstaaten tatsächlich zum Durchbruch zu verhelfen, müssen "Langdistanzwanderfische" den unwirtlichen Rheinseitenkanal umgehen können. Auf Grund seiner vier Staustufen, dem hohen Schifffahrtsaufkommen und den dortigen Einleitungen von Salz und Chemieabwässern gibt es für den Lachs im Grand Canal d’ Alsace kaum ein Vorwärtskommen.

Aber ein Ausweg aus dieser Sackgasse wäre möglich. Das alte Hauptbett des Rheins - der heutige "Restrhein" - könnte zwischen Basel und Breisach zur naturnahen "Wanderstraße" für die Lachse und zu einem vorrangigen Laichgewässer für die Leitfischart im Rhein ausgebaut werden.

Die Neukonzessionierung für das Rheinkraftwerk Kembs als "Jahrhundertchance"

Demnächst stehen zwei Entscheidungen an, von denen es abhängen wird, ob es zu einer umfassenden ökologischen Aufwertung des südlichen Oberrheins kommen wird. Im Elsass wird derzeit die Neukonzessionierung für das erste Wasserkraftwerk im Rheinseitenkanal - dem Kraftwerk Kembs - vorbereitet. Da bis zu einer Wasserführung von 1.400 Kubikmetern pro Sekunde fast der gesamte Rheinabfluss durch die französischen Rheinwasserkraftwerke im Grand Canal d’Alsace geleitet wird, verbleibt im "Restrhein" ein kümmerlicher "Mindestabfluss" von nur 30 Kubikmetern - viel zu wenig für den Lachs. "Bei der im Jahr 2007 anstehenden Neubewilligung für das Kraftwerk Kembs ergibt sich die Jahrhundertchance, den Restrhein wieder mit einer höheren Wasserführung auszustatten", erklärte URS ZELLER für die Schweizer Fischereiverbände auf der trinationalen Tagung. Ebenso wie die Internationale Rheinschutzkommission halten die Umweltverbände einen Abfluss von mindestens 150 Kubikmetern pro Sekunde im "Restrhein" für erforderlich.

Die zweite wesentliche Maßnahme zur Revitalisierung des 45 km langen "Restrheins" steht auf der südbadischen Seite an. Auf dem südbadischen Rheinvorland sollen 50 Millionen Kubikmeter Kies abgebaggert werden, damit der Rhein wieder "in die Breite gehen kann". In den letzten zwei Jahrhunderten hat sich der begradigte Oberrhein in Südbaden derart tief in seinen kiesigen Untergrund eingegraben, dass er bei Hochwasser zwischen Efringen-Kirchen und Breisach kaum mehr ausufern kann.

Die tiefergelegten Areale am südbadischen Ufer des "Restrheins" sollen nach Ansicht der Umwelt-, Fischerei- und Naturschutzverbände aber nicht nur dem Hochwasserrückhalt dienen. Auf den Abtragungsflächen könnte wieder ein urwüchsiger Auewald entstehen. Zudem sollte dem Rhein die Möglichkeit gegeben werden, sich in seinem künftig breiteren Bett wieder zu verzweigen und zu verästeln. Die ehemals für den südlichen Oberrhein kennzeichnende "Furkationsaue" (Furka = Gabel ---> Verästelung, Verzweigung) könnte ansatzweise wieder neu entstehen. In der Furkationsaue würden sich zahlreiche Kiesinseln bilden, die den Naturreichtum entlang des "Restrheins" entscheidend erhöhen werden.

Die Rheinrenaturierung - ein Gewinn auch für die Menschen am Rhein!

"Bei der Rheinpolitik muss jetzt endlich eine historische Wende erreicht werden", forderte JEAN WENCKER für Alsace Nature, der größten elsässischen Umweltorganisation. "Und zwar nicht nur zugunsten der Natur, sondern auch für die Rheinanliegergemeiden", fügte der Binnengewässerkundler JÖRG LANGE für die Umwelt- und Naturschutzverbände hinzu. Wie das auf dem Kongress vorgestellte Beispiel der renaturierten Isar und anderer Flüsse gezeigt hat, wird das abwechslungsreiche "Mosaik" von Kiesbänken, Auwaldbeständen und Trockenstandorten den Naherholungs- und Freizeitwert am "Restrhein" erheblich steigern. Davon würden auch die - jetzt noch skeptischen - Rheinanliegergemeinden profitieren. "Der zum Kanal geronnene Rhein war bislang ein trennendes Element in der Landschaft und stellte eine scharf gezogene Grenze da. Ein naturnaher Restrhein könnte den Fluss wieder zu einem verbindenden Element, auch für die Menschen am Oberrhein machen", betonte die Biologin CORINNA WIRTH, die von Strasbourg aus die Umweltverbände im Dreyeckland koordiniert.

"Vorfahrt für den Lachs!" muss zur politischen Chefsache werden

Die trinationale Tagung der Umwelt-, Fischerei- und Naturschutzverbände war von über 200 Fachleuten besucht worden. "Das große Interesse sollte für die Behörden in der Schweiz sowie in Frankreich und Deutschland ein deutliches Signal sein, jetzt zu beginnen, die Sünden der Vergangenheit auszubügeln - im gemeinsamen Interesse des Natur- und des Hochwasserschutzes", erklärte GÉRARD BURKARD für die elsässichen Fischereivereine. Während der Chef des UN-Umweltprogramms, der ehemalige deutsche Umweltminister, Prof. Dr. KLAUS TÖPFER in einem schriftlich übermittelten Grußwort die Zielsetzungen der Umweltverbände unterstützt, "halte sich die große Politik in Frankreich und Deutschland noch zurück" bedauerte GÜNTER FRAUENLOB für die Schweizer Naturschutzverbände. "Dabei ist jetzt die Zeit gekommen ist, wo ‘Vorfahrt für den Lachs’ zur Chefsache nicht nur in Strasbourg und Stuttgart, sondern auch in Paris und in Berlin gemacht werden muss!"

für Rückfragen: AK Wasser, Nik Geiler
Mehr Infos zum Integrierten Rheinprogramm IRP, zum Hochwasserschutz und Naturschutz am Rhein finden Sie hier



Rhein & Integriertes Rheinprogramm – IRP


Hochwasserschutz und Auenrenaturierung am Rhein - eine große Chance für Mensch und Natur



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Aktuell:


Das Hochwasser im Schwarzwald und an der Elz und Dreisam in der ersten Woche im Januar 2018, zeigte auch den wichtigen zweiten Aspekt der Renaturierung unserer Flüsse, den Hochwasserschutz. Zumindest ein kleiner Teil des Hochwassers wird zurückgehalten und gebremst. Angesichts der sichtbaren Erfolge für Mensch und Natur ist der Widerstand gegen die Renaturierung anderer Flussabschnitte und gegen die ökologischen Aspekte des Integrierten Reinprogramms immer unverständlicher.
Bis 2040 werden weltweit Millionen Menschen zusätzlich von Überschwemmungen betroffen sein, sagen aktuelle Studien. Allein in Deutschland könnte die Zahl der Betroffenen um das Siebenfache ansteigen, warnen Forscher auf Basis aktueller Daten.


Eines der Hauptkonfliktfelder des Integrierten Rheinprogramms sind die Ökologischen Flutungen, ein zentraler Naturschutz-Aspekt des IRP. Während die Experten von Alsace Nature, BUND, NABU und die Fachleute des Aueninstituts diese Maßnahmen einhellig begrüßen, wird entlang des Rheins massiv Stimmung dagegen gemacht. Kiesindustrie, Jogger, Landwirte, Sportvereine und andere Nutzer der Auen verstecken ihre Interessen hinter vorgeschobenen ökologischen Argumenten. Wir erleben es zur Zeit immer öfter, dass Einzelpersonen, Naturnutzer und Gruppen in den großen Topf der Ökologie hineingreifen, sich eine einzelne Art herausholen und darauf ihre Argumentation aufbauen. Doch Ökologie ist mehr, Ökologie ist immer auch die Lehre von den Zusammenhängen. In einigen Gebieten am Rhein hat sich aus der Wechselwirkung zwischen örtlichen Bürgerinitiativen und Medien eine "lokale Insel-Wahrheit", ein undurchdringlicher, sich selbst bestätigender "Echoraum" der eigenen Meinung herausgebildet. Aktuell ist auch die Kieslobby im Hintergrund wieder sehr aktiv um ihre ökonomischen Interessen durchzusetzen.




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Dieser Artikel wurde 4536 mal gelesen und am 23.11.2016 zuletzt geändert.