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Landkreis Emmendingen - Flächenverbrauch, Zersiedelung, Verscheußlichung

Die Explosion des Flächenverbrauchs im Landkreis Emmendingen

In einem Gartenteich gibt es eine Seerose, welche jeden Tag auf die doppelte Größe wächst. Diese Seerose kann innerhalb von 30 Tagen den Teich bedecken und alles andere Leben im Wasser ersticken. Dieses Wachstum erscheint aber nicht beängstigend, bevor sie nicht mindestens die Hälfte der Wasseroberfläche einnimmt. Es gibt hier noch genügend Platz und niemand denkt daran, sie zurückzuschneiden. Dies gilt auch für den 29. Tag, denn immer noch ist ja die Hälfte des Teiches frei. Aber schon am nächsten Tag ist kein Wasser mehr zu sehen.
(aus einem französischen Kinderreim)

Eine Wanderung auf den nächtlichen Kandel und der Blick in die Ebene zeigt den Landkreis Emmendingen. Das Elztal und die Oberrheinebene sind erfüllt mit Lichtpunkten: Autos, Häuser, Straßenlampen ...

Das Wuchern der Kleinstadt Endingen - Ein Beispiel

Die Struktur und das Gesicht des Landkreises Emmendingen verändern sich. In den letzten Jahrzehnten hat es einen Landschafts- und Flächenverbrauch gegeben, der größer ist, als die Entwicklung in vielen hundert Jahren der Vergangenheit. Ehemals kleine Bauerndörfer wie Denzlingen oder Teningen, idyllische Kleinstädte wie Endingen sind weit über ihre ehemaligen Ränder hinausgewuchert. Besonders deutlich wird diese Entwicklung, wenn man auf der B 3 von Freiburg nach Köndringen fährt. Die Freiflächen zwischen den Gemeinden werden immer kleiner. Ähnlich ist es auf der Strecke ins Elztal.

Dennoch: Der "Seerosenteich" Landkreis Emmendingen ist noch lange nicht halbvoll. 143.000 Einwohner leben auf 680 km2 - das sind 207 Einwohner je km2. Im Landkreis gibt es 43,8% Landwirtschaftsfläche, 44,7% Waldfläche und 9,3% Siedlungsfläche, also nur knapp 10% bebaute Flächen. Doch diese 10% Straßen-, Wohn- und Industrieflächen strahlen auf die umgebende Landschaft aus. Die Autobahn beansprucht nicht nur die real in Anspruch genommene Fläche, sie verlärmt außerdem einen breiten Streifen auf beiden Seiten und belastet die angrenzenden Äcker und Wiesen mit Schadstoffen. Und doch, der Landkreis Emmendingen ist schön. Es gibt sie noch, Natur, Wälder, Erholungsflächen. Angenehmes Klima und landschaftliche Vielfalt ziehen Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet in unseren Landkreis; zur Erholung oder um hier zu wohnen und zu arbeiten. Der BUND fragt sich, wie lange es Natur und Schönheit im Landkreis Emmendingen noch gibt. Neue Zahlen aus dem Umweltbericht II des Landratsamtes bestätigen unsere Befürchtungen. Wir sind dabei, das, was wir lieben, zu zerstören.

Der Flächenverbrauch im Außenbereich durch Bebauungspläne im Landkreis Emmendingen betrug von 1981 bis 1985 = 46 ha, von 1985 bis 1989 = 77 ha, von 1989 bis 1991 = 156 ha.


Aus dem Umweltbericht geht auch eindeutig hervor, daß nicht etwa die zuziehenden Ausländer und Flüchtlinge die Ursache für diesen Flächenverbrauch sind. Die Zahl der Kreisbewohner ist zwar gestiegen (hauptsächlich Zuzug aus dem Bundesgebiet), doch weit stärker haben unsere eigenen Ansprüche an Wohnraum zugenommen. D.h. immer mehr Menschen wohnen in immer größeren Wohnungen auf immer größerer Fläche. Besonders stark steigt der Bedarf der Gewerbe- und Industriegebiete. Die Fabriken werden größer und leerer. Die beängstigenden Prognosezahlen im Umweltbericht des Landratsamtes gehen von einem linearen Wachstum aus. Was wir trotz der Krise erleben ist kein lineares Wachstum, sondern ein exponentielles Wachstum - ist eigentlich eine Explosion des Flächenverbrauchs.

Viele Indizien sprechen für eine weitere großräumige Zerstörung der Landschaft:

-Neubau / Ausbau der Rheintaleisenbahn, Erweiterung auf 4 Gleise
-Neubau/ Ausbau der Autobahn A 5, Erweiterung auf 6 Fahrspuren
-die immer noch nicht aufgegebenen Pläne des Baden-Werks zur Errichtung eines Kraftwerks im Wyhler Wald


Größere Kartenansicht
Flächenverbrauch im Straßenbau: Die B(rille) 3 bei Denzlingen

Wie wird es weitergehen im Landkreis Emmendingen?

Der Landkreis Emmendingen ist nicht der oben beschriebene Seerosenteich. Es wird sicher nie eine 100%ige Besiedelung geben. Die jetzt vorhandenen Naturschutzgebiete, der Schwarzwald, Teile der Rheinauen und der innere Kaiserstuhl werden von einer flächenhaften Zersiedelung sicher ausgespart bleiben.

Sehr wahrscheinlich ist allerdings ein langfristiges Ausufern der Stadt Freiburg bis Köndringen, weiter entlang der B 3 und auch ein Zusammenwachsen der Gemeinden von Denzlingen ins Elztal. Die von der Regionalplanung eingefügten regionalen Grünzüge und Siedlungszäsuren werden dann zu Stadtparks in diesem Siedlungsbrei. Die Situation mancher Dörfer und Gemeinden im Umkreis von Freiburg ist vergleichbar mit der Situation von Gemeinden der Umgebung von Großstädten in den USA vor 30 Jahren. Diese Umgebungsgemeinden sind jetzt, geschluckt, Außenzonen der großen anonymen Städte.

D.h. für den Landkreis Emmendingen als Zukunftsvision eine Entwicklung, wie wir sie vor längerer Zeit im Ruhrgebiet hatten und wie wir sie z.Zt. auch im mittleren Neckarraum erleben.


Ein vollständiges Zuwuchern des Landkreises ist auch aus einem anderen Grund unwahrscheinlich. Noch ziehen viele Menschen aus dem Bundesgebiet wegen des Klimas und wegen der angenehmen Wohnverhältnisse in den Süden. Doch wenn die Natur aus der Ebene verdrängt wird, wenn die Verlärmung durch Straßen, Autobahn und andere Verkehrswege zunimmt, wenn bei uns die sozialen und gesellschaftlichen Probleme auftreten, die wir aus den Ballungsräumen kennen, spätesten dann wird der Zuzug in den schönen Süden aufhören. Wie soll es weiter gehen? Wir können uns natürlich auch treiben lassen. Da ein Stück Wald opfern, dort eine neue Straße, einen Gewerbepark planen bis die Zerstörung das Wuchern beendet - es gibt sicher noch Kommunal-politiker, die auch bei uns den Traum vom mittleren Neckarraum träumen.

Der BUND will mit dieser Stellungnahme die Probleme aufzeigen, mitplanen und positive Visionen entwickeln. Wir sind der Meinung, daß der Flächenfraß unbedingt gestoppt werden muß! Ein wichtiger Ansatz dazu ist das Aufzeigen des Problems und eine intensive breite und öffentliche Diskussion zu diesem Thema. Es ist auch für uns leichter und einfacher, gegen ein Bleichemiewerk oder ein Atomkraftwerk anzukämpfen, als gegen eine Entwicklung, an der unsere eigenen Luxusbedürfnisse durchaus mitschuldig sind. Dennoch gibt es Instrumentarien, die Zerstörung zu verhindern.

Wir brauchen auch in der Ebene mehr Naturschutzgebiete - die Rheinauen, der Wyhler Wald und andere wertvolle Flächen müssen unter Naturschutz gestellt werden! Die neue Dimension der Zerstörung zeigt aber auch, daß Naturschutz- und Landschaftsschutzgebiete zum Teil veraltete Instrumente für den Naturschutz sind. Flächen- und Landnutzung sind mit anderen, raumordnerischen Instrumenten zu regeln.

Wir werden um kleinere Bauplätze in den Baugebieten, um eine Verringerung des Abstandsgrüns in Gewerbegebieten und um Parkplätze auf den Dächern der Fabriken und Einkaufszentren nicht herumkommen. Die regionalen Grünzüge und Grünzäsuren dürfen nicht angetastet werden.

Die Situation des Landkreises Emmendingen zeigt deutlich, daß wir auch hier an die Grenzen des Wachstums gestoßen sind. Ein rein quantitatives Wachstum wird vielleicht die aktuellen Probleme kurzfristig lösen, es wird uns, dem Landkreis und dieser Erde aber langfristig sehr große Probleme bereiten. Wir wissen, daß dies eine sehr schwierige Argumentation in Krisenzeiten ist, die politisch auch mißbraucht werden könnte. Das, was auf der Umweltkonferenz in Rio gesagt wurde, muß aber in Zukunft auch für den Landkreis Emmendingen gelten. Wir brauchen eine nachhaltige, umweltfreundliche Entwicklung und kein quantitatives Wuchern. Wir werden sicher auch Lebensqualität neu definieren müssen. Nachhaltige Entwicklung, d.h. schonender Umgang mit den Ressourcen und den Flächen bedeutet nicht weniger, sondern mehr Lebensqualität. Die Alternative dazu heißt im Landkreis Emmendingen Wuchern des Flächenverbrauchs, Zerstörung der Lebensräume, Zersiedelung der Ebene, Verlust von Natur, Erholung, Heimat und auch Verzicht auf einen Teil von dem, was jetzt das Leben hier lebenswert macht.

Axel Mayer
Bund für Umwelt und Naturschutz
Baden-Württemberg e.V.
Regionalverband Südlicher Oberrhein
Wilhelmstr. 24a, 79098 Freiburg
Tel : (0761) 30383



"Dieser Aufwärtstrend erreichte 1993 eine weitere Steigerung: in 14 Bebauungsplänen wurden im ganzen Landkreis Emmendingen 50,8 Hektar Fläche überplant. (Hinzu kommen 50,2 ha aus zehn Bebauungsplänen, die 1993 unter Beachtung der künftigen Festsetzungen des Bebauungsplanes in Anspruch genommen werden können. Angenommen, der Flächenverbrauch durch Bebauungspläne von jährlich ca. 40 ha würde im gleichen Umfang fortgesetzt, so wären bereits im Jahr 2.039 die ca. 1.850 ha naturnahen Flächen im Landkreis vollständig aufgebraucht. Würde der gesamte Flächenverbrauch von jährlich ca. 150 ha so weitergehen und die landwirtschaftliche Nutzfläche des Landkreises gleichermaßen wie die naturnahen Flächen betreffen, so wären diese Flächen bis in rund 200 Jahren aufgebraucht - ein Zeichen dafür, daß der Flächenverbrauch nicht mehr weiter ansteigen darf, sondern im Gegenteil deutlich verringert werden muß."
(Umweltbericht II - Landratsamt Emmendingen)

Mehr Infos:
hier:Transitland Oberrhein - Verkehr und Verkehrsprobleme
hier: Die Verscheußlichung des Breisgaus
hier:Flächenverbrauch und Zersiedelung am Oberrhein
Bedrohte Artenvielfalt am Oberrhein



Übersicht: Flächenverbrauch, Zersiedelung, Naturzerstörung, Regionalplanung, Oberrhein - Südbaden – Elsass




Freiburg / Breiburg
Eines der bedeutendsten und gleichzeitig meist unterschätzten Umweltthemen überhaupt:
Der zunehmende Flächenverbrauch auch in der Region am Oberrhein.





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Dieser Artikel wurde 5664 mal gelesen und am 21.10.2016 zuletzt geändert.