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Universitätsbibliothek Freiburg: Abriss, Neubau, Eröffnung - Fassadendiskussionen & Nachhaltigkeit

20.07.2015

Universitätsbibliothek Freiburg: Abriss, Neubau, Einweihung - Fassadendiskussionen & Nachhaltigkeit


Der teure Neubau der Universitätsbibliothek Freiburg, der am 21.07.2015 um 10.30 Uhr eröffnet wird, hat eine spannende, architektonisch anspruchsvolle Fassade, mit der sich die "Green" City Freiburg schmücken will und über die sich trefflich streiten lässt. Angesichts der Einheitlichkeit und Trostlosigkeit vieler anderer Neubauten ist sie ein erfreulicher Hingucker... In einer Zeit, in der wegen der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich die sozialen Konflikte auch auf den Straßen immer härter ausgetragen werden, ist es mutig, einen bruchempfindlichen Glaspalast in die Stadt zu bauen. Die Betonkerntemperierung mit Brunnenwasserkühlung sowie die Wärmerückgewinnung sind energetisch erfreuliche Fortschritte.

In die "Fassadendebatte"
hat sich ein Umweltschutzverband wie der BUND dennoch nicht einzumischen solange die dunklen, neuen Scheiben keinen Vogelschlag auslösen. Doch die Frage nach den "inneren Werten" der neuen Freiburger UB, nach Langlebigkeit und Energiebedarf zählt zu den klassischen Aufgaben des Bund für Umwelt und Naturschutz. Die zentrale Frage, ob wir es uns in der Vergangenheit leisten konnten eine Bibliothek zu erstellen, die nach nur 33 Jahren abgerissen werden musste, die Frage nach den tatsächlichen Abrissgründen, nach der Verschwendung von Rohstoffen, Energie und menschlicher Arbeitskraft, die Frage, ob es sich unser Gemeinwesen leisten konnte, extrem teure Billigbauten zu erstellen, wird (nicht nur!) in der Green City Freiburg leider nicht öffentlich diskutiert. Und wenn die Fehler der Vergangenheit nicht diskutiert werden, dann gibt es auch kein Lernen aus den Fehlern der Vergangenheit. Dass Freiburgs neuer Vorzeigeplatz im Universitätsviertel mit Basalt aus Vietnam gepflastert wird, ist nach unserer Ansicht ein umweltpolitischer Skandal. Der "schicke Schein" geht vor Nachhaltigkeit und Fassadendiskussionen ersetzen keine echte Nachhaltigkeitsdebatte.

Im Jahr 1978 errichtete das Land Baden-Württemberg
gegenüber dem fast hundert Jahre alten Kollegiengebäude I am Rotteckring ein neues Gebäude für die Unibibliothek. “Hauptsächlich wegen altersbedingt abgängiger Technik (Klimaanlage) und der Notwendigkeit, Schäden an der Fassade zu beheben, muss das Bibliotheksgebäude saniert werden”, steht auch heute noch beschönigend bei Wikipedia und fast genauso beschönigend war die Neubaudiskussion in der “Green" City Freiburg, denn die tatsächlichen Abrissgründe wurden öffentlich leider nicht diskutiert. Neben den "offiziell" genannten und diskutierten Abrissgründen gab es "öffentlich nicht diskutierte" Abrissgründe, u.a. die von Anfang an nicht richtig funktionierende Klimaanlage und den gebäudebedingt hohen Krankenstand der MitarbeiterInnen der alten Bibliothek...

Im Jahr 2011, nur 33 Jahre nach dem Neubau musste der oberirdische Teil des Gebäudes fast vollständig abgerissen werden, während das gegenüberstehende Kollegiengebäude I aus dem Jahr 1911 vermutlich noch einmal hundert Jahre älter werden kann, wenn es einigermaßen gepflegt wird.


Es kann nicht darum gehen, heute so zu bauen wie vor 100 Jahren. Aber 1978, in einer Zeit in der ständig alles Neue als technischer Fortschritt gepriesen wurde, hätte es doch möglich sein müssen, neue Gebäude langlebig, dauerhaft, flexibelfunktional und schön zu bauen.

Nein! Unser Herzblut hing nicht an dem zeitgeist-scheußlich-parkhausähnlichen Beton-Gebäude der alten Unibibliothek. Wir kritisierten nicht den leider notwendigen Abriss, wohl aber die traurige Notwendigkeit abreißen zu müssen. Der Abriss der drei Jahrzehnte jungen Unibibliothek in Freiburg ist eines von vielen Beispielen für nicht nachhaltiges, verschwenderisches, öffentliches Bauen (nicht nur) in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. 53 Millionen Euro wird das Um- und Neubauprojekt kosten. Die ersten Kostenschätzungen lagen bei 32 Millionen Euro.

Der Neubau der Freiburger Universitätsbibliothek zeigt, wie schnell und wie teuer viele "neue" öffentliche Bauwerke erneuert werden müssen. Bauwerke, die vor wenigen Jahrzehnten noch als „supermodern“ galten, bei deren Errichtung aber Nachhaltigkeit und Langlebigkeit offensichtlich kein Thema waren.
In der Menschheitsgeschichte galt jahrtausendelang, dass Fortschritt neue Produkte und Gebäude besser, schöner, nützlicher und langlebiger macht. Dieses Menschheitsversprechen hat sich, nicht nur bei Gebäuden, in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in sein Gegenteil gedreht.

"Heute sind mehr als die Hälfte der Freiburger Brücken, Mauern und Tunnel so marode, dass sie dringend saniert werden müssen. Doch dafür fehlt das Geld. Um den weiteren Verfall zu verhindern, müssten jährlich sechs Millionen Euro investiert werden. Bislang sind pro Jahr jedoch nur 1,3 Millionen vorgesehen" stand in den Medien.

Und relativ neue, mittlerweile sanierungsbedürftige Straßen, Flachdächer, Schulen, Brücken und andere öffentliche Gebäude gibt es im ganzen Land. Es gibt zu diesem Thema und zu dieser unglaublichen Milliardenverschwendung, die die öffentlichen Haushalte schwer belastet, allerdings keine politische Debatte, nicht einmal in der „Green" City.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland steht für Nachhaltigkeit, das heißt: Nachfolgende Generationen sollen nicht mit den Langzeitwirkungen des heutigen Raubbaus belastet werden.

Aspekte der Nachhaltigkeit, Langlebigkeit und der Folgekosten haben bei vielen öffentlichen Bauten der letzten Jahrzehnte keine große Rolle gespielt und weil es keine Debatte dazu gab und gibt, ist dies auch heute teilweise noch so.
Die deutsche Staatsverschuldung steht heute immer noch bei ca. 2157 Milliarden € und das hat auch mit der unhinterfragten, verschwenderischen Art des Bauens in der Vergangenheit und der Gegenwart zu tun. Die Rektorenkonferenz hat den bundesweiten Bedarf in Sachen Hochschulsanierung im Jahr 2012 auf 30 Milliarden Euro geschätzt. Wenn die Sünden der Vergangenheit nicht aufgearbeitet werden, dann werden aus den Fehlern keine Lehren gezogen.

Wenn wir die Verkürzung der Produktlebensdauer von Druckern, Strumpfhosen, Computern, Gebäuden und anderen Dingen einfach so akzeptieren, wenn die Zyklen des Produzierens, Kaufens, Nutzens und Wegwerfens immer kürzer werden, dann brauchen wir uns über die absehbare Endlichkeit der Energie- und Rohstoffreserven und die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nicht zu wundern. Gute, schöne, sinnvolle, reparaturfähige Produkte möglichst lange nutzen... nur so können wir die Energie- und Rohstoffwende durchsetzen.


Immer noch wird bei öffentlichen Planungen und Bauten hauptsächlich auf die aktuellen Baukosten und viel zu wenig auf Langlebigkeit und die künftig anfallenden Reparaturen geachtet. Ob es langfristig kostengünstig ist, bei öffentlichen Ausschreibungen den billigsten Anbieter nehmen zu müssen, bezweifelt nicht nur der BUND.

Wir erleben nicht nur am Oberrhein und in Freiburg, wie das Land mit einer teuren Infrastruktur, mit Beton und Asphalt überzogen wird, wie der Flächenverbrauch anhält und Natur verschwindet, während gleichzeitig Städte, Land und Bund nicht in der Lage sind, die bestehende Infrastruktur zu unterhalten.

Wenn Stadt und Staat kein Geld sondern einen Schuldenberg haben, dann muss erst einmal (wenn möglich) die vorhandene Infrastruktur unterhalten und nicht Unnötiges neu gebaut werden. Neue Gebäude sollten funktional, schön, energiesparend, ressourcenschonend und dauerhaft-langlebig gebaut werden. Über das “Schön” der neuen UB soll und darf dann gerne öffentlich gestritten werden, über das “Funktional, Langlebig, Energiesparend und Dauerhaft” nicht.

Wir haben zu wenig Informationen,
um den Neubau der Unibibliothek heute schon konstruktiv zu bewerten. Den Einsatz von Betonkerntemperierung mit Brunnenwasserkühlung sowie die Wärmerückgewinnung sehen wir als großen Fortschritt. Die Fassade hat eine sehenswerte, architektonisch anspruchsvolle Architektur über die sich trefflich streiten lässt. Auffallend ist allerdings die „Fast-Nur-Fassadendiskussion“ in Freiburg. Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer sagte laut Badischer Zeitung vom 23. Januar 2012: „Man werde mit der neuen Bibliothek dem Freiburger Münster Konkurrenz machen“ Das erinnert durchaus ein wenig an die Lobpreisungen für die alte Bibliothek vor 33 Jahren. Beschränkte „Fassadendiskussionen“ lenken von den Nachhaltigkeitsaspekten des Neubaus ab. Hoffentlich wurden wegen des schönen Scheins nicht wieder zu viele Kompromisse gemacht. Auch wenn es dem Zeitgeist nicht entspricht, sind dem BUND die "Inneren Werte" eines Gebäudes wichtiger als der "Schöne Schein". Wenn sich beides in einem neuen Gebäude vereinen lässt, dann ist das höchste Architekten- und Ingenieurskunst.

Die Antworten auf die spannenden Fragen nach den realen Heizkosten wird das neue Gebäude in den nächsten Jahren selber geben. Die Antwort auf die Frage, ob die neue Freiburger UB nachhaltig, zukunftsfähig und vor allem langlebig geplant und gebaut wurde, wird Ihnen der BUND gerne beantworten. Wir bitten Sie aber nicht vor dem Jahr 2065 nachzufragen.

Axel Mayer, Geschäftsführer


Nachträge:
Noch mehr „einstürzende Neubauten“ in Freiburg
Die Unibibliothek ist nur ein Beispiel für viele andere „einstürzende Neubauten“ in Freiburg:
  • So muss der Freiburger Postbahnhof einem Dienstleistungskomplex weichen. Das einst preisgekrönte Gebäude an der Bahnlinie wird nach nur 28 Jahren abgerissen. Der neun Millionen Mark (4,5 Millionen Euro) teure Postbahnhof hat nur sieben Jahre lang seinem ursprünglichen Zweck als Frachtzentrum gedient. Quelle: Badische Zeitung

  • Auch das Haus Weingarten wird abgerissen. Der 70er-Jahre-Betonbau ist schon seit Jahren „marode“ und eine Sanierung hätte 4 Millionen Euro gekostet.
    Quelle: Badische Zeitung



Kaufen (und produzieren) für die Müllhalde
Glühbirnen, Nylonstrümpfe, Drucker, Mobiltelefone - bei den meisten dieser Produkte ist das Abnutzungsdatum bereits geplant. Die Verbraucher sollen veranlasst werden, lieber einen neuen Artikel zu kaufen, als den defekten reparieren zu lassen. Die bewusste Verkürzung der Lebensdauer eines Industrieerzeugnisses, um die Wirtschaft in Schwung zu halten, nennt man "geplante Obsoleszenz". Bereits 1928 schrieb eine Werbezeitschrift unumwunden: "Ein Artikel, der sich nicht abnutzt, ist eine Tragödie fürs Geschäft".
Gestützt auf mehr als drei Jahre dauernde Recherchen, erzählt die Dokumentation die Geschichte der geplanten Obsoleszenz. Sie beginnt in den 20er Jahren mit der Schaffung eines Kartells, das die Lebensdauer von Glühbirnen begrenzt, und gewinnt in den 50er Jahren mit der Entstehung der Konsumgesellschaft weiter an Boden.
Heute wollen sich viele Verbraucher nicht mehr mit diesem System abfinden. Als Beispiel für dessen verheerende Umweltfolgen zeigt die Dokumentation die riesigen Elektroschrottdeponien im Umkreis der ghanaischen Hauptstadt Accra. Neben diesem schonungslosen Blick auf die Wegwerfgesellschaft stellt Filmemacherin Cosima Dannoritzer auch die Lösungsansätze von Unternehmern vor, die alternative Produktionsweisen entwickeln. Und Intellektuelle mahnen an, die Technik möge sich auf ihre ursprüngliche Aufgabe zurückbesinnen, auf die dauerhafte Erleichterung des Alltags ohne gleichzeitige Verwüstung des Planeten.
Leider gibt es den Film nicht mehr in voller Länge bei Arte zu sehen, Ausschnitte finden sich jedoch hier.
Aufgrund der Gema kann man den Film auch auf Youtube von Deutschland aus nicht anschauen.
(Frankreich, 2010, 75mn)





Es gab diesen Text beim BUND in der Freiburger Wilhelmstraße 24a. (Hinterhaus) auch als Flugblatt.

Das Flugblatt zum Download als PDF-Datei gibt es hier


Universitätsbibliothek Freiburg: Den "Fortschritt" kritisch hinterfragen, damit er den Menschen dient. Wenn wir die habgierbedingt-gezielte Verkürzung der Produktlebensdauer von Bibliotheken, Zahnbürsten, Strumpfhosen, Computern und anderen Dingen (Brustimplataten!) einfach so akzeptieren, wenn die Zyklen des Produzierens, Kaufens, Nutzens und Wegwerfens immer kürzer werden, dann brauchen wir uns über die absehbare Endlichkeit der Energie- und Rohstoffreserven und die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nicht zu wundern. Gute, schöne, sinnvolle, reparaturfähige Produkte möglichst lange nutzen... nur so können wir die Energie- und Rohstoffwende durchsetzen. Axel Mayer




























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Dieser Artikel wurde 10899 mal gelesen und am 20.7.2015 zuletzt geändert.