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KKW Fessenheim: Was wäre wenn ein Störfall zur Katastrophe führen würde?

Ein Szenario des Unvorstellbaren.
Von Klaus Rixinger
Artikel aus "Der Sonntag" vom 3.4.05
Angelo Feil, Bürger der Gemeinde Eschbach bei Bad Krozingen, hat am Mittwochmorgen vor Ostern einen gehörigen Schrecken bekommen. Beim Blick aus dem Fenster sah er eine starke Dampfentwicklung über dem nur drei Kilometer entfernten Atomkraftwerk Fessenheim. Als sich die auffälligen Dampfaustritte wiederholten, informierte er die Polizei. Die teilte ihm bald darauf mit, dass einer der beiden Reaktoren nach einer routinemäßigen Wartung wieder hochgefahren wurde. Dabei entstehe jedes Mal eine Dampfwolke, so die Erklärung.

Im gleichen Zeitraum gab es dann aber doch noch zwei (kleine) Pannen in Fessenheim - die aber laut Betreiber "ohne Folgen für die Sicherheit" waren. In einer Mitteilung heißt es weiter: "Die auf den orten abgeschickten Feuerwehrmänner von Mülhausen und Fessenheim hatten nicht gehabt zu intervenieren" - so die etwas holprige deutsche Übersetzung zu dem Vorfall.

"Die Kommunikation funktioniert" - das ist für Regierungpräsidiumssprecher Joachim Müller-Bremberger entscheidend. Schließlich meldete die Präfektur in Straßburg parallel zur Betreiberin Electricité de France ebenfalls die Pannen an das Regierungspräsidium (RP). Das RP habe keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass die Behörden im Elsass "genau so gut informieren wie deutsche Behörden".

Für den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland am Südlichen Oberrhein (BUND) hingegen ist der jüngste Zwischenfall in Fessenheim die Fortsetzung einer "Schwarzen Serie": Allein im Februar und März dieses Jahres zählte der BUND mindestens sechs Störfälle. Wegen der Häufung sahen die Atomkraftgegner des BUND sogar davon ab, jeden einzelnen Vorfall zu kommentieren. Der BUND befinde sich im selben Dilemma wie die Medien, sagt BUND-Regionalgeschäftsführer Axel Mayer: Keiner wisse, wie die jeweiligen Pannen zu bewerten seien. "Die Betreiber haben die Definitionsmacht über die beherrschbaren Störfälle. Objektive Infos gibt es nicht", beklagt Mayer. Die nicht abreißende Pannenserie wirft in der Region immer häufiger die Frage auf: Was wäre wenn... ?

Christian Küppers, Atomphysiker, Mitarbeiter des Öko-Instituts Darmstadt und seit kurzem Mitglied in der deutsch-französischen Kommission für Fragen der Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen, hat diese Frage schon vor 13 Jahren in einer Studie zu beantworten versucht. Seinen Fallbeispielen legte Küppers eine Kernschmelzung infolge Kühlmittelverlustes zugrunde, wie sie von einer französischen Kontrollbehörde und dem Reaktorhersteller für den Reaktortyp in Fessenheim in der Theorie durchgespielt wurde. Zudem unterstellte Küppers eine Wasserstoffexpolosion, "die nach derartigen Unfallabläufen zu erwarten ist". Bei der Menge freigesetzter radioaktiver Stoffe orientierte sich der Atomphysiker an einer Risikostudie zum Atomkraftwerk Biblis B.

Szenario ohne Regen
Die Katastrophe ereignet sich bei einer in unserer Region häufigen Windrichtung Südwest und ohne Niederschlag. Durch die Thermik bewegt sich die radioaktive Wolke in einer Höhe von 150 Metern. In diesem Fall würde nach heutigen Kriterien für ein Gebiet von etwa 50 Kilometer Entfernung in Windrichtung mit einer maximalen Breite quer zur Windrichtung von rund sechs Kilometern eine Evakuierung empfohlen werden. Betroffen wäre die Osthälfte des Kaiserstuhls, der Tuniberg, Denzlingen, Emmendingen, Waldkirch und weitere Kommunen auf der südwestlichen Richtung bis Freudenstadt. Freiburg bliebe (von einer Evakuierung) verschont. Die radioaktive Wolke würde sich anschließend großräumig verteilen. Nur in Gebieten mit Niederschlägen könnte die Verstrahlung ansteigen. Aufgrund der hohen Bodenstrahlung im Katastrophengebiet wäre an eine Rückkehr in das geräumte Gebiet frühestens 50 Jahre nach dem Unfall zu denken. "Dies", so Küppers, "ist auch der Wert, der in Tschernobyl gilt." Offiziell gibt es in Deutschland dafür aber bislang keinen Richtwert.

Szenario mit Regen
"Absolut katastrophal", so Küppers, wäre ein Unfall während einer Inversionswetterlage. Dann nämlich könnte die radioaktive Wolke über einen längeren Zeitraum wegen der Sperrschicht in der Luft nicht abziehen. Zu evakuieren wären Emmendingen, Sélestat, Lahr, Offenburg, Straßburg, Baden-Baden und möglicherweise auch Karlsruhe. Bei einer geringfügigen Abweichung der Windrichtung könnte auch Freiburg betroffen sein. Zwar könnten entferntere Gebiete besser evakuiert werden, weil sich die Wolke langsamer ausbreitet: Nach 15 Stunden würde sie Riegel erreichen, nach 48 Stunden Baden-Baden und nach 62 Stunden Karlsruhe. Für die im Katastrophengebiet verbliebenen Menschen wäre die Lage aber dramatisch, weil Häuser keinen hinreichenden Schutz mehr böten.

Die Wahrscheinlichkeit eines Reaktorunglücks gab Küppers 1992 mit ein Mal in 65000 Betriebsjahren an. Heute, räumt Küppers ein, müsste sich die Sicherheit durch verschiedene Nachrüstungen in den vergangenen 13 Jahren aber erhöht haben. Laut RP verweist auch das Landesumweltministerium darauf, dass die angenommene Kernschmelze "so nicht mehr haltbar ist". Nach fast 30 Betriebsjahren ist allerdings auch das statistische Risiko gestiegen.

Ein Hauptkritikpunkt der Studien hat noch nach 13 Jahren hohe Aktualität: Der Betreiber und die zuständigen Behörden haben im Katastrophenplan weder Wind noch Regen berücksichtigt. Aus diesem Grund konnten sie die Gefahrenzone um Fessenheim herum im Zehn-Kilometer-Kreis definieren. Dr BUND nennt das eine "realitätsferne Apokalypsenblindheit". Wolfgang Klinger, Abteilungsleiter Katastrophenschutz der Stadt Freiburg, kennt das Dilemma: "Evakuierungsmaßnahmen sind bei uns keine vorgesehen." Das Regierungspräsidium verfügt zwar über einen Katastrophenschutzplan. Doch für die Evakuierung sind darin die Kommunen vorgesehen. In einer Broschüre zu Fessenheim erklärt das RP, wie die Evakuierung vollzogen werden soll: "bevorzugt im eigenen PKW". Wozu das im Ernstfall führen kann, beschreibt Katastrophenexperte Klinger so: "In Freiburg führen selbst kleine Baustellen schon zu Staus." Immerhin hat Freiburg vor kurzem Jodtabletten für die Bevölkerung eingelagert, die im Katastrophenfall verteilt werden sollen. Doch dem wurde wiederum ein Katastrophenszenario ohne Wind und Regen zugrunde gelegt: Schon die nördlich an Freiburg angrenzende Gemeinde Gundelfingen müsste ihre Jodtabletten aus einem Zentrallager in Karlsruhe holen. Gleiches gilt für die Kommunen südlich von Mülheim bis einschließlich Basel. "Wir fordern einen realistischen Schutzplan", sagt daher Axel Mayer, "der von einem Worst-Case-Szenario ausgeht."

Warum die Behörden nicht auf die Szenarien von Küppers vorbereitet sind, darüber konnte das RP auch nach Rücksprache mit dem Landesumweltministerium keine Angabe machen. RP-Sprecher Müller-Bremberger: "Aufgrund Ihrer Anfrage wird dieses Thema möglicherweise in der nächsten Sitzung der deutsch-französischen Kommission angesprochen."

Wir freuen uns, diesen Artikel von Klaus Rixinger präsentieren zu dürfen.




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Dieser Artikel wurde 11108 mal gelesen und am 8.3.2017 zuletzt geändert.