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30 Jahre - Kein AKW in Wyhl: Ein Redebeitrag von Axel Mayer

14.02.2005
30 Jahre - Kein AKW in Wyhl: Ein Redebeitrag von Axel Mayer

Grund zum Feiern gibt es

bei den Veranstaltungen der Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen vom 25.2. bis 27.2.2005 in Wyhl und Weisweil genug. Am 18. Februar 1975 hatte die Bevölkerung das Gelände des geplanten Atomkraftwerks im Wyhler Wald besetzt. Der Bau des AKW wurde auf Dauer verhindert. Alleine schon das wäre Grund genug für ein großes Fest. Doch nicht nur im Wyhler Wald waren wir erfolgreich: Vor Wyhl gab es den erfolgreichen grenzüberschreitenden Widerstand gegen das geplante AKW in Breisach und die erfolgreiche Bauplatzbesetzung gegen das Bleichemiewerk im elsässischen Marckolsheim. Hätten sich damals Badener, Elsässer und Schweizer, Frauen und Männer, Jung und Alt, Städter und Landbewohner nicht gemeinsam engagiert, dann wären in den letzten dreißig Jahren viele Tonnen Blei auf den Kaiserstuhl und das elsässische Ried niedergegangen, dann hätten die Breisacher, Wyhler, Gerstheimer und Kaiseraugster Reaktoren im sogenannten Normalbetrieb die Umgebung und den Rhein radioaktiv belastet.

Dann gäbe es im Erdbebengebiet
am Oberrhein weitere Gefahrenquellen, die Mensch, Natur und Umwelt bedroht und im Katastro-phenfalle Zentraleuropa gefährdet hätten. Unser damaliger Widerstand hat verhindert, dass in den beiden Wyhler Reaktoren neben vielen anderen kurz- und langlebigen radioaktiven Abfällen u.a. große Mengen Plutonium entstanden wären, eines der gefährlichsten Gifte der Menschheit, das uns alle in Bombenform und als Atommüll gleichermaßen bedroht. Bei einer Halbwertszeit von 24110 Jahren ist der gefährliche Abfall faktisch dauerhaft vorhanden und müsste über eine Million Jahre sicher gelagert werden. Wir feiern den Erfolg für Mensch und Natur in Wyhl, Breisach, Marckolsheim, Gerstheim und Kaiseraugst, und die Lichter sind, entgegen den Aussagen des damaligen Ministerpräsidenten Filbinger, auch nicht ausgegangen.

Nicht nur "NAI HÄMMER GSAIT!",
sondern gemeinsam mit dem BUND und vielen anderen auch ein deutliches Ja zu den alternativen Energien, zu Sonne, Wind, Biomasse, Geothermie und Energiesparen. Wir sind stolz auf die unglaublichen Entwicklungen im Bereich Alternativenergie, auf das, was sich aus unserer ersten Solarausstellung, den Sasbacher Sonnentagen im Jahr 1976, entwickelt hat.

Und doch gibt es 30 Jahre nach Wyhl
keinen Grund, sich selbstzufrieden zurückzulehnen. Wir haben viel erreicht, aber am Hochrhein, am Rheinfall bei Benken, will die Atomlobby der Schweiz mit viel Geld und geschickten neuen Durchsetzungsstrategien ein Atommülllager einrichten. Eine Gefahr nicht nur für den Hochrhein, sondern für alle Menschen entlang des großen Stroms.

Das marode, altersschwache
und somit in seiner Unsicherheit durchaus mit dem AKW Neckarwestheim vergleichbare elsässische Atomkraftwerk Fessenheim wird zur immer größeren Gefahr am Oberrhein. AKW sind an allen Standorten gefährlich. Zusätzlich unverantwortlich war es aber, ein AKW in ein Erdbebengebiet zu bauen. Es ist mehr als ein Skandal, den Pannenreaktor weiter zu betreiben. Die französische EDF und die deutsche EnBW tragen hier Verantwortung. EnBW-Strom ist immer auch Gefahrstrom aus Fessenheim.

Wir geben uns keinen Illusionen
hin. So lange das AKW Fessenheim Gewinne abwirft, sind Proteste, Resolutionen und Aktionen zwar ein ständiger Ärger für die Betreiber, aber der massive und erfolgreiche Einfluss der Atomkonzerne auf die Pariser und Stuttgarter Politik gibt den Atomkonzernen die Sicherheit, das AKW nicht abstellen zu müssen. Wenn die Landesregierung von Baden-Württemberg Pro-Atom-Lobbyisten in "Kontrollbehörden" entsendet, brauchen wir uns über den mangelnden Erfolg dieser Kommissionen nicht zu wundern. Trotz vieler Proteste soll das altersschwache unsichere AKW aus Gewinngründen weiter betrieben werden.

Protest, die vielfältigen Aktionen
am AKW, Plakate, Aufkleber, Wandschriften, Flugblätter, Infoveranstaltungen, Konzerte, Fessenheim-Ausstellungen, Infos im Internet und unsere Leserbriefe ärgern und verunsichern die Betreiber und der Druck muss auch verstärkt werden. Am schmerzempfindlichsten aber sind EDF und EnBW immer noch am Geldbeutel. Aus diesem Grund rufen die Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen auch aus Anlass der 30-Jahr-Feier zum Stromwechsel auf. Weg vom Gefahrstrom der EnBW, hin zum umweltfreundlich produzierten, kostengünstigen Ökostrom der Schönauer Stromrebellen.

Ein weiterer Grund
zu verstärktem Engagement und zum Stromwechsel sind die alten, neuen Euroreaktorpläne, d.h. die Pläne, zuerst in Finnland, dann in Frankreich und damit irgendwann in Fessenheim und nach einem Regierungswechsel evtl. auch wieder in Deutschland neue Atomkraftwerke zu bauen. Die EnBW finanziert diese Planungen mit unseren Stromgeldern. Wie haben die Politiker aller Parteien doch nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl getönt! Und jetzt erleben wir einen viel zu langsamen Atomausstieg, und unumkehrbar sind die Ausstiegspläne von Rot-Grün leider auch nicht. In einer Zeit, in der wir nach amerikanischem Vorbild immer weniger Volksverteter, dafür aber immer mehr Industrievertreter in die Parlamente wählen "dürfen", sind die zunehmenden Pro-Atom-Stimmen in den jetzigen Berliner Oppositionsparteien nicht zu überhören. Bürgerinitiativen und Umweltverbände sind überparteilich, aber Miet-Parlamentarier und bezahlte Atomlobbyisten, egal in welcher Partei, sind eine Gefahr für Umwelt und Demokratie, auch wenn sie ihre wahren Interessen gerne mit vorgeschobenen Klimaschutzargumenten tarnen.

Die Besetzung im Wyhler Wald
und alles, was daraus folgte, war ein großer, hart erkämpfter regionaler Erfolg. Heute sind die Durchsetzungsstrategien der Atomlobby raffinierter. Viele unserer alten Wyhler Plakate hatten einen Bezug zum Bauernkrieg am Oberrhein. Aber gerade der Bauernkrieg zeigte, dass Erfolge auch verspielt werden können. Die Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen, der BUND und die Umweltbewegung am Oberrhein haben auch in Zukunft mehr als genug Arbeit. Vom endgültigen Atomausstieg und echter Nachhaltigkeit sind wir weit entfernt. Aus diesem Grund brauchen wir auch in Zukunft das Engagement der BürgerInnen.

In Wyhl und Weisweil feiern wir die Erfolge der Vergangenheit und der Gegenwart, doch wir bleiben wachsam.

Axel Mayer
langjähriger Sprecher der BI Riegel in den Bad. Els. BI`s

heute BUND Regionalgeschäftsführer


Nachtrag:


Es ist gut wichtig auf vergangene Erfolge zurückzublicken. Doch dabei dürfen die massiven aktuellen Gefahren und Bedrohungen nicht vergessen werden. Am Oberrhein werden wir immer noch von den Atomkraftwerken in Fessenheim, Leibstadt, und vom ältesten AKW der Welt in Beznau bedroht. Die Atompropaganda und die PR der Umweltzerstörer ist seit dem Wyhl-Protest massiv „verbessert“ worden. Die Atom-, Gen-, und Umweltzerstörungslobby lässt von industrienahen Journalisten für sich werben. Industriegelenkte Klimawandelleugner bekämpfen die Energiewende. In Deutschland entsteht gerade eine aggressiv neoliberale „Deutsche Tea Party Bewegung“ die mit Ökologismus-Kampagnen die Umweltbewegung massiv angreift. Eine Ende der atomar-fossilen Energievorräte ist absehbar und gefährdet die Zukunft. Die aktuelle globale Krise ist auch eine Umweltkrise, die Krise eines nicht nachhaltigen und nicht zukunftsfähigen Systems. Es gibt für uns also wirklich noch viel zu tun für die Umweltbewegung, nicht nur am Oberrhein.
Axel Mayer




BauplatzbesetzerInnen...


Auszug aus einer Rede von Walter Mossmann (Dezember 2010)
Was neu war: Auf den besetzten Plätzen in Marckolsheim, Wyhl oder Kaiseraugst trafen sich nicht mehr nur die üblichen Verdächtigen aus der linken Szene, auf die sich Polizei und Justiz längst eingeschossen hatten, vielmehr kamen dort Leute zusammen, die eigentlich gar nicht zusammen gehörten, deshalb ging es ja auch in Wyhl viel lustiger zu als bei den Parteimeetings der Moskau- oder der Peking-Kommunisten. Im Freundschaftshaus auf dem besetzten Platz in Wyhl trafen Winzergenossen und katholische Landfrauen auf eine Jugendgruppe der IG Metall aus NRW oder auf die Stuttgarter Gewerkschaftsopposition bei Daimler ("Plakatgruppe") mit Willi Hoss und Peter Grohmann, es trafen sich evangelische Pfadfinderinnen aus Heidelberg mit bündischen Jungs aus Hamburg und Grauen Panthern aus Westberlin, es kamen denkende Sozialdemokraten, die sich gerade mit Erhard Eppler gegen den Atompolitiker Helmuth Schmidt aufrichteten, es kamen die Religiösen von den Anthroposophen bis zu den Zen-Buddhisten, dazwischen Linkskatholiken, Pfingstler, Basisgemeinden, orthodoxe Russen, reformierte Juden, laizistische Iraner, synchretistische und tolerante Brasilianerinnen, es kamen deutsche Männergesangsvereine, französische Feministinnen, geoutete Schwule, heimliche Heteros, Spontis, Maoisten, Trotzkisten, Anarchisten, Ornithologen, Vegetarier, Verteidiger des SED-Regimes, die absurderweise auf volkseigene Atomkraftwerke vom Typ Tschernobyl setzten, es kamen Leute vom Schwarzwaldverein, von den Vosges Trotter Colmar, von der Skizunft Brend, es kamen Pazifisten, Reserveoffiziere und die Schnapsnasen aus Webers Weinstuben, es kamen alte Leute, die ihre Ideen vom Naturschutz aus der nationalsozialistischen Erziehung mitbrachten, es kamen kritische Architekten, Mediziner, Pädagogen, Journalisten, frustrierte Orchestermusiker, grübelnde Polizisten, und sie trafen auf den Apotheker vom Kaiserstuhl, den Schmied, den Schreiner, die Ärztin, die Chemikerin, den Müller, den Fischereimeister, den Tabakbauer, die Winzerinnen, die Lehrer, die Pfarrer, und sie trafen Werner Mildebrath, den Elektriker aus Sasbach, der schon 1975/76 den Leuten seine Sonnenkollektoren aufs Dach setzte, denn die Bürgerinitiativen arbeiteten schon damals an erneuerbaren Energien, und sie organisierten 1976 die Sonnentage von Sasbach, als die Stuttgarter Regierung noch einfältig und doktrinär an das Perpetuum Mobile namens Atomkraft glaubten.









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  • 3) Im Zweifel ist die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte immer noch eine gute Quelle zur Orientierung.








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Dieser Artikel wurde 3905 mal gelesen und am 26.4.2019 zuletzt geändert.