Insekten, Windenergie, Windräder & die Lügen der Agrochemie-, Kohle- & Atomlobby


Insekten, Windenergie, Windräder & die Interessen der Agrochemie-, Kohle- & Atomlobby



Eine von Fachwissenschaftlern stark kritisierte Studie des DLR aus dem Jahr 2018 besagt, dass pro Jahr möglicherweise ca. 1.200 Tonnen Insektenbiomasse in Deutschland an Windrotoren verloren gehen. "Die aufgrund vereinfachter Annahmen hochgerechnete Zahl einer maximalen Masse von 1.200 Tonnen getöteter Insekten erscheint auf den ersten Blick sehr hoch" kritisiert das Bundesamt für Naturschutz. Dennoch haben viele Medien, aber auch Kohle-, Atom- und Agrarchemielobbyisten und Klimawandelleugner die Studie begierig aufgegriffen. Die inhaltlich umstrittene Studie ist lesenswert. Sie beschreibt gemessen an den Hauptursachen des Insektensterbens, allerdings nur ein kleines Rand- und Nischenthema. Allein in deutschen Wäldern fressen Vögel ca. 400.000 Tonnen Insektenbiomasse im Jahr!

Die Hauptursache für das Sterben von Insekten wie Schmetterlingen und Bienen ist eindeutig die industrielle Landwirtschaft mit ihren Giften, Überdüngung und die „pflegeleichte“ ausgeräumte, monotone Agrarlandschaft.


Doch auch in kleinen Randbereichen des Insektensterbens muss selbstverständlich seriös geforscht werden. Gezielt aufgebauschte Nischendebatten und Nischenberichterstattung führen allerdings dazu, dass die tatsächlichen Hauptprobleme nicht angegangen werden. Spannend sind nicht nur die Ergebnisse der umstrittenen Windrad-Studie, sondern auch die Art und Weise, wie von interessierter Seite das Thema gezielt und erfolgreich aufgebauscht wird.

Das Ganze erinnert an die industriegelenkte Debatte zu den jährlich ca. 100.000 durch Windräder getötete Vögel. Eine Nischendebatte, die verhindert, dass über die 18 Millionen Vögel diskutiert wird, die in Deutschland an Glasscheiben sterben.

Ablenkungsmanöver!
Per Notfallzulassung hat fast zeitgleich mit der ablenkenden Studie das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) den Einsatz des insektenschädlichen Pestizids Carnadine erlaubt. Das Mittel enthält den Wirkstoff Acetamiprid, ein Neonicotinoid. Wie alle "Neonics" greift auch diese Substanz das Nervensystem von Insekten an und tötet nicht nur Schädlinge, sondern alle Insekten, die damit in Kontakt kommen. Über das "Insektensterben durch Windräder" wird diskutiert und berichtet. Das viel größere Problem spielt in der Berichterstattung ein Nischendasein.


Kohlekraftwerke werden abgeschaltet und Strom aus neuen AKW ist nicht nur gefährlich und umweltschädlich, sondern auch viel teurer als Strom aus Windenergie. Gerade darum bekämpfen die Atom- und Kohlelobbyisten und ihre Vorfeldorganisationen die erneuerbaren Energien mit gezielt vorgeschobenen Scheinargumenten. Gerade rechtspopulistische Netzwerke, die ansonsten immer gegen Umwelt- und Naturschutz agitieren, nutzen immer wieder aus dem Zusammenhang gerissene Naturschutzargumente, um Kohle- und Atomkonzernen zu nutzen.

Wie schaffen es Konzerne, PR-Agenturen, Rüstungs-, Kohle- und Atomlobbyisten, Klimawandelleugner, rechtsliberale Medien, industriegelenkte Bürgerinitiativen und reiche, industrienahe Naturschutzstiftungen, dass manche wichtigen Themen gezielt ablenkend nur in Nischen debattiert werden und gleichzeitig aber in den Medien solche Aufmerksamkeit finden?

Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer





Insekten, Windenergie, Windräder & die Interessen der Agrochemie-, Kohle- & Atomlobby


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Hier finden Sie zum Thema Insektensterben & Windenergie ein kurzes Papier des BUND-Bundesverbandes.



Eine Studie des DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt) zum Thema Insektentod durch Windkraftanlagen geht gerade durch die Medien. Diese Studie basiert auf einer angenommenen Insektendichte pro Quadratkilometer in der kritischen Höhe (Rotorhöhe). Hieraus modellieren die Autoren einen jährlichen Verlust von 1.200 Tonnen Insektenbiomasse (5-6 Mrd. Insekten pro Tag) an Windkraftanlagen in Deutschland und leiten daraus eine mögliche Ursache für den Insektenschwund ab.

Die Studie basiert auf einer Modellierung mehrerer Faktoren:
1. der Insektendichte in verschiedenen Luftschichten. Dazu wurde eine Untersuchung aus Schleswig Holstein von 1998-2004 in Kombination mit einem Aufsatz aus dem Jahre 1957 verwendet und dann ein Wert für den gesamten Luftraum Deutschlands in Rotorhöhe errechnet, 9 kg / km³ im Jahre 2003.
2. Dem Luftvolumenstrom durch den gesamten deutschen Windpark in der Insektenflugsaison April-Oktober (8 Mio km³).
3. Der Annahme, dass 5 % aller Insekten beim Durchflug durch eine Windkraftanlage (WEA) sterben. (Gleichung aus Windgeschwindigkeit, Insektendichte und Rotorfläche)

Aus diesen Faktoren errechnen die Autoren, dass pro Jahr 1.200 Tonnen Insektenbiomasse in Deutschland an Windrotoren verloren gehen. Diese Zahl ist mit den gegebenen Annahmen rechnerisch korrekt.- Wie nah sie an der Realität liegt, lässt sich nicht beurteilen.

Die Ableitung einer tatsächlich relevanten Gefährdung von Fluginsekten aus der absoluten Menge potentiell getöteter Insekten ist daraus jedoch nicht möglich, weil die Vergleichszahl der insgesamt vorhandenen Insekten (insbesondere der betroffenen Arten) nicht berücksichtigt wird. Diese Vergleichszahlen existieren jedoch. Nyffeler 2018 hat die Biomasse aller weltweit von Vögeln gefressener Insekten abgeschätzt. Anhand dieser Ausgangswerte käme man alleine für die in deutschen Wäldern von Vögeln gefressene Insektenbiomasse auf 400.000 Tonnen pro Jahr! Dagegen sind die 1.200 Tonnen, welche laut der Studie an WEA verloren gehen, doch äußerst gering.
Eine Studie zur Biomasse von Ameisen von Seifert (2017) kommt auf ähnlich eindrucksvoll hohe Zahlen. Folgt man einem der dort ermittelten mittleren Ameisen-Biomassewerte von 5 g pro Quadratmeter, kommt man für ganz Deutschland auf 1,5 Millionen Tonnen Ameisen. Entgegen der landläufigen Meinung, Ameisen seien reine Fußgänger, fliegen diese doch bis zu 150 Meter hoch.

Wichtige Aussage der Studie ist, dass Insekten tatsächlich in bis zu 2000 m Höhe migrieren und dass es durch Rückstände toter Insekten an den Rotorblättern empirisch nachgewiesen ist, dass es eine Menge Insekten auf Rotorhöhe der WEA gibt. Dieser Tatsache wird beim Bau von Windkraftanlagen jedoch nicht Rechnung getragen und eine Verträglichkeitsprüfung muss nicht durchgeführt werden.

Alle weiteren Ergebnisse dieser Studie sind reine Modellierung möglicher Verluste anhand vereinzelter Quellen und Schätzungen und deuten auf Forschungsbedarf in diese Richtung hin. Dies sehen auch die Studienautoren selbst so.


Wesentlich problematischer als der Tod an Windkraftanlagen ist für Insekten der großflächige Verlust von Nahrung und Lebensraum, sowie der stark angestiegene Einsatz von Pestiziden. Durch das Verschwinden von Streuobstwiesen, Hecken, Wegrändern, gestuften Waldrändern und Gewässersäumen, durch den Grünlandumbruch, durch die Nutzungsaufgabe oder Intensivierung bisher noch extensiv genutzter Offenlandflächen und durch die gezielte Aufforstung von Offenland verlieren viele Insektenarten wichtige Lebensräume. Durch die Zerstörung von Gewässern aufgrund von Verbau oder Trockenlegung sind besonders Arten mit aquatischen Larvenstadien betroffen.

Pflanzenschutzmittel können auch für Insekten, die nicht Ziel der Anwendung sind, tödlich sein oder zu Schädigungen sowie zu Orientierungsstörungen und Verhaltensänderungen führen. Pestizide beeinflussen indirekt die Qualität der Lebensräume und die Nahrungsgrundlage der Insekten. Vielfältige Ackerbegleitkräuter sind für Insekten eine Lebensgrundlage in Kulturbeständen, die auch nach der Blütezeit der Hauptkultur wie Raps als Nahrungsgrundlage zur Verfügung stehen. Großflächig und häufig eingesetzte Breitbandherbizide wie Glyphosat vernichten die Ackerwildkrautvegetation und damit zugleich diese Nahrungsgrundlage für viele Insekten.

Auch Überdüngung verbliebener Lebensräume durch Stickstoff und der damit einhergehende Verlust der Artenvielfalt bedeuten für Insekten, welche meist Spezialisten für bestimmte Pflanzenarten sind, einen Verlust an Futter und Nektar.

Besonders auf in der Nacht fliegende und sich an den Gestirnen und dem Mond orientierende Insekten kann zudem die fortschreitende Lichtverschmutzung einen starken Einfluss haben. Durch künstliche Lichtquellen werden diese Insekten angezogen und in ihrer Orientierung gestört oder an der Lichtquelle getötet bzw. in ihr gefangen.

Fazit:
Eine rein theoretische Studie und ein Beispiel dafür, was man mit Modellierungen alles darstellen kann. Die Ergebnisse sind jedoch nicht dazu geeignet, einen tatsächlich relevanten negativen Einfluss von Windkraftanlagen auf die Artenzahl und Gesamtmasse von Fluginsekten nachzuweisen. Deutlich macht die Studie, dass es einen erhöhten Forschungsbedarf nicht nur bezüglich Windkraft und Insekten, sondern insbesondere bezüglich des Zustands und der Menge unserer Insektenfauna im Ganzen gibt.
Ansonsten ist die Studie eine Nebelkerze, die natürlich von vielen Seiten (Windenergiegegner bis hinzu Klimawandelleugner) weiterverbreitet wird. Sie beweist nicht den negativen Einfluss von Windkraftanlagen auf unsere Insektenpopulation, ist jedoch dazu geeignet von den eigentlichen Problemen in der Landschaft (s.o.) abzulenken.

https://www.bfn.de/themen/insektenrueckgang/ursachen-und-handlungsbedarf.html

Off-Topic:
Studienautor Dr. Franz Trieb vom DNR ist übrigens ein riesen Fan von Solarenergie und würde gerne DESERTEC wiederbeleben.


Die Studie selbst: (PDF download)

Quellen:
Hallmann et al. (2017): Hallmann C. A., Sorg, M., Jongejans, E., Siepel, H., Hofland, N., Schwan, H., et al. (2017) More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLoS ONE 12 (10): e0185809. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0185809

Nyffeler, M., Şekercioğlu, Ç.H., Whelan, C.J., 2018. Insectivorous birds consume an estimated 400–500 million tons of prey annually. The Science of Nature 105, 47. https://doi.org/10.1007/s00114-018-1571-z

Seifert (2017): The ecology of Central European non-arboreal ants – 37 years of a
broad-spectrum analysis under permanent taxonomic control. Senckenberg Museum of Natural History Görlitz. http://www.senckenberg.de/files/content/forschung/publikationen/soilorganisms/volume_89_1/89-1-01_seifert_oa.pdf

Ameisenflug:
https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=seg-001:1989:62::415




Infos & Links zum Schmetterlingssterben / Insektensterben & zu Insektensterbenleugnern



Grüne Kreuze & Kritik: Gift, Agrarpaket, Glyphosat, Massentierhaltung & Bauernsterben




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Studien, Quellen, Medienberichte und Links zu den Themen Insektensterben, Bienensterben, Schmetterlingssterben, Vogelsterben und Neonicotinoiden



Einschub:

EU-Behörde Efsa bestätigt Gefahr der Neonicotinoide







Studien:





Weitere Quellen, Links, Zeitungsberichte und Interviews mit Experten:
















"Die Wahrheit", Warnungen & Hinweise 2020: